Homers Odyssee - nur ein Schiffermärchen?
Die Route der berühmtesten
Seereise der Welt

185. Veranstaltung der Humboldt-Gesellschaft am 10.02.2006 von Christoph Hönig


Route Odysseus


Inhalt:

VORBEMERKUNG

EINSTIEG
(1) Wer war Homer?
(2) Wer war Odysseus?
(3) Ist die „Odyssee“ nur ein Schiffermärchen? Oder hat Ernle Bradford, der englische Navigator und Homer-Kenner, Recht, der die Route der Irrfahrten des Odysseus nachfuhr?
(4) Was hat uns nun der Sänger Homer selbst zu erzählen über des Odysseus Irrfahrten, Entdeckungsfahrten und Heimfahrt?

Das 1. Abenteuer: Eine Stadt wird geplündert
Das 2. Abenteuer: Bei den Lotosessern
Das 3. Abenteuer: Beim Kyklopen Polyphemos
Das 4. Abenteuer: Auf der Wind-Insel des Aiolos
Das 5. Abenteuer: Schiffsuntergang bei den Laistrygonen
Das 6. Abenteuer: Bei der Zauberin Kirke
Das 7. Abenteuer: Am Ende der Welt – im Hades
Das 8. Abenteuer: Der Gesang der Sirenen
Das 9. Abenteuer: Vorbei an der Insel des Feuer speienden Vulkans
Das 10. Abenteuer: Zwischen Skylla und Charybdis
Das 11. Abenteuer: Die heiligen Rinder des Sonnengottes
Das 12. Abenteuer: Odysseus bei der Göttin Kalypso
Das 13. Abenteuer: Zur Insel der gastfreundlichen Phaiaken
Das 14. Abenteuer: In Ithaka. Der Sieg über die Freier

EPILOG
Dante: Die letzte Ausfahrt





VORBEMERKUNG

Die letzten beiden Vorträge im Dezember über Tibet und Mexiko hätten sicher den Geowissenschaftler Alexander von Humboldt sehr interessiert. Der heutige Vortrag über Homers „Odyssee“ ehrt nun beide Brüder. Zunächst den Kulturwissenschaftler Wilhelm von Humboldt. Zu seiner Zeit kam ja die sog. „Homerische Frage“ auf: Der Hallesche Prof. Friedrich August Wolf hatte 1795 behauptet, es gebe gar keinen Dichter Homer! Große Aufregung bei allen literarisch Interessierten! Eine Grundsäule der abendländischen Bildung schien plötzlich weggebrochen. (Davon später mehr.) Aber der heutige Vortrag wäre sicher auch etwas für Alexander von Humboldt, denn er war doch – wie einst Odysseus – selbst ein unermüdlich neugieriger Erforscher fremder Länder.


EINSTIEG

Nun zum Titel meines Vortrags. Homers „Odyssee“? Schon das ist doppelt fraglich: Hat Homer denn überhaupt gelebt? Viele haben das bezweifelt. Und wenn er gelebt haben sollte, dann hat er allenfalls die „Ilias“ geschrieben, aber – das meinen viele – keineswegs die „Odyssee“, die ja in einem ganz anderen Stil erzählt ist. Sie ist also doch bloß ein altes Schiffermärchen. Oder etwa nicht?

Im 19. Jh. wandten die Philologen die historisch-kritische Methode auf einst sakrosankte Texte der Weltliteratur an – von der Bibel bis zu Homer. Von der Bibel blieb kaum ein Stein auf dem andern, und Jesus von Nazaret selbst erwies sich nun als Konstrukt, als spätere Erfindung. Und die Fachleute waren sich auch einig: Die Homer zugeschriebenen Epen sind sehr unterhaltsame Phantasiegebilde, hübsche Märchen – mit so viel Wahrheitsanspruch wie Schneewittchen und die 7 Zwerge. Dann kam der Autodidakt Heinrich Schliemann, der sich seinen Kinderglauben an den großen Kampf um Troja bewahrt und die „Ilias“ genauestens studiert hatte. Und er grub im Nordwesten Kleinasiens, in der heutigen Türkei, auf dem Hügel Hisarlik tatsächlich Ruinen aus, die er für das Homerische Troja hielt. Eine archäologische Weltsensation! Also: Homer hatte doch Recht.

Aber das 2. Epos, die „Odyssee“, galt natürlich weiterhin als farbenfrohes Seefahrermärchen. Denn da wimmelt es ja auch von einäugigen Riesen (dem Polyphemos), Zauberinnen und Göttinnen (wie Kirke = Circe und Kalypso), und Seeungeheuern (wie Skylla und Charybdis). Wer nur aus Kinderbüchern und vielleicht in der Schule etwas von Odysseus und seinen Irrfahrten gehört hat, weiß dann als aufgeklärter Erwachsener: Das kann ja wohl nicht wahr sein – das ist Seemannsgarn. Und archäologisch auszugraben gibt es auf See ja ohnehin nichts.

Wenn die sprichwörtlich gewordenen Irrfahrten des Odysseus nur Seemannsgarn sind, dann gibt es natürlich auch keine verifizierbare Route der Fahrten durchs Mittelmeer, wie im Vortragsthema angekündigt. Was sollen wir nun tun?


Fragen wir uns also zunächst einmal:

(1) Wer war Homer? Gab es ihn überhaupt? Und dichtete er auch die „Odyssee“?
(2) Wer war der sagenhafte Odysseus?
(3) Ist die „Odyssee“ nur ein Schiffermärchen? Oder hat Ernle Bradford, der englische Navigator und Homer-Kenner, Recht, der die Route der Irrfahrten des Odysseus nachfuhr?
(4) Und schließlich: Was erzählt der homerische Sänger selbst über die Abenteuer seines Helden?


(1) Wer war Homer?

Zweifel an Homers Existenz kamen schon auf im Altertum zur Zeit der gelehrten Alexandriner (seit dem 3. Jh. v. Chr.). Man witzelte: „Homer hat zweifellos nie gelebt. Man weiß nur eins: dass er blind war.“ Trotzdem. Wohl jede antike Bibliothek, die etwas auf sich hielt, hatte ein Marmorportrait Homers, der eben doch wohl als der erste und der größte Dichter Griechenlands galt. Es gab zwei Portrait-Typen: den älteren, schlichten und den hellenistisch- barocken.

1795 nun wies Prof. Friedrich August Wolf scharfsinnig nach: Es gab gar keinen Dichter namens Homer, und „Ilias“ und „Odyssee“ sind nur aus einzelnen Kurzerzählungen zusammengestückelt. Die sog. „Homerische Frage“ führte zu lebhaftem Gelehrtenstreit. Andere Forscher hielten dagegen an Homer als dem großen Dichter wenigstens der „Ilias“ fest. Man nannte sie die „Unitarier“ (die auf der Einheit des Werkes Bestehenden) im Gegensatz zu den „Analytikern“ (den Auflösern). So wurde die Alternativfrage dringlich: War Homer nur ein Bearbeiter vorhandener einzelner „Lieder“, oder steht er am Anfang als der eine große Schöpfer der ersten Epen Europas?

Was sagt nun die Forschung des 20. Jh.s dazu? (1) Man weiß inzwischen: Unzweifelhaft gab es lange vor Homer jahrhundertelang Sänger, die die Geschichten um Troja mündlich überliefert haben. Woher hätte Homer denn sonst die Erzählungen von etwa 400 Jahre zurückliegenden Ereignissen haben sollen? Die oral poetry ist ein eigenes Forschungsgebiet. (2) Fast alle Gelehrten sind heute überzeugt von der Existenz eines grandiosen Dichters namens Homer. (3) Aber nur eine Minderheit – darunter der beste Homer-Kenner Joachim Latacz und der Homer-Übersetzer Wolfgang Schadewaldt – halten Homer für den Verfasser beider Groß-Epen. Andere nehmen 2 verschiedene Dichter für „Ilias“ und „Odyssee“ an, die wohl im Verhältnis Lehrer-Schüler zueinander gestanden haben könnten. Schadewaldt seinerseits rechnet für die „Odyssee“ zwar auch mit 2 Dichtern: Der erste freilich war Homer selbst. Doch dann habe ein jüngerer, ebenfalls sehr guter Dichter Einschübe vorgenommen.

Mir – wenn ich mir das erlauben darf – scheint die höchst penible Argumentation der großen Altphilologen schließlich doch auch etwas fragwürdig. Sie finden im Vergleich der beiden Epen Widersprüche heraus, stellen (heute mit dem Computer) Unterschiede im Wortgebrauch fest und eruieren Stilunterschiede. Das sind ihre Beweismittel, und sie wirken jeweils sehr überzeugend, auch wenn sie sich leider nicht einig werden können. Gewiss, „Ilias“ und „Odyssee“ sind offenbar durchaus verschiedene Werke – aber sie haben ja auch ganz verschiedene Inhalte! Noch wichtiger aber scheint mir ein den Gelehrten bedauerlicherweise unbekanntes Argument: Kann ein und derselbe Dichter sich im Laufe seines eventuell langen Lebens nicht wandeln? Der überaus belesene und geistreiche Egon Friedell polemisiert z.B. gegen die Bibel-Philologen, die im 19. Jh. aufgrund von Wort- und Stiluntersuchungen bewiesen zu haben glaubten, dass der größte Teil des NT nicht „echt“ sei, Jesus nie gelebt habe und die Evangelisten keineswegs die Verfasser seien. Friedell stellt sich nun vor, im Jahr 3000 fände man Schriften eines angeblichen Verfassers namens Goethe vor. Da ist nun wissenschaftlich eindeutig beweisbar, dass „Faust I“ und „Faust II“ auf keinen Fall vom gleichen Verfasser stammen können, wie einst behauptet wurde. „Faust I“ spielt ja in einer engen, altdeutschen Kleinstadt und ist in altertümlichen Knittelversen geschrieben. „Faust II“ dagegen bewegt sich in der „großen Welt“, am Hof des Kaisers und zum Teil sogar in Griechenland. Und all das ist in den verschiedensten Versmaßen, nur nicht, wie „Faust I“, in Knittelversen verfasst. Jeder vernünftige Leser muss zugeben, dass beide Werke nicht vom selben Verfasser stammen können. Ich hoffe, auch Sie werden das zugeben! Da braucht es gar keine scharfsinnigen Literatur-Wissenschaftler. Dasselbe gilt übrigens – aus dem gleichen Zeitalter stammend – für die Stücke „Die Räuber“ und „Wallenstein“, die angeblich von ein und demselben Autor namens Schiller stammen sollen ... Selbst jeder Laie muss schon beim flüchtigen Lesen erkennen: diesen sogenannten Goethe oder Schiller gibt es gar nicht, und wenn, dann kann jeder Dichter höchstens eines der ihm zugeschriebenen Werke gedichtet haben!

Im 20. Jh. kam schließlich aber dann doch Homer als der wahre Schöpfer der abendländischen Poesie wieder zu Ehren. Besonders Schadewaldt hat genauestens nachgewiesen, wie genial durchkomponiert die beiden Epen sind. Sie müssen einen Verfasser, einen Dichter (und keinen Zusammenbastler) haben, und wenn er Maier oder Lehmann hieße.

Nach heute einhelliger Überzeugung steht also Homer an der Wende einer Weltepoche. Er repräsentiert den Abschluss einer jahrhundertelangen mündlichen Epen-Tradition. Es gab vor ihm eine umfangreiche mündliche Überlieferung. Die Aoidoí, die Sänger, standen einst in festem Verbund und vererbten ihr Rüstzeug weiter, in ununterbrochener Sukzession. Es bestand neben der Kenntnis der Inhalte in der Beherrschung eines großen Arsenals von festen Formeln, vorgeprägten Versteilen, einzelnen Versen, ganzen Versgruppen und typischen Szenen. So konnte der Aoidós ohne einen geschriebenen Text jede gewünschte Geschichte in jeweils spontaner Neuschöpfung vortragen. Und so schildert es Homer ja selbst in der „Odyssee“ im 8. Gesang. Hier singt „der göttliche Sänger“ Demódokos am Hofe des Phaiaken-Königs einzelne Episoden vom erst kürzlich beendeten Troja-Krieg. Das Folgende wurde seit je für ein Selbstportrait Homers gehalten, auch weil hier ein blinder Sänger singt. Und das ist die Situation: Odysseus ist auf der Insel Korfu als Schiffbrüchiger gestrandet. Er hat sich noch nicht zu erkennen gegeben und seinen Namen noch nicht genannt. Am Hofe des Phaiaken-Königs hört der unbekannte Fremdling dem Sänger Demódokos zu, über den Homer Folgendes erzählt: „Und der Herold kam herbei und führte den geschätzten Sänger. Den liebte die Muse über die Maßen und hatte ihm Gutes wie auch Schlimmes gegeben: Der Augen hatte sie ihn beraubt, doch ihm den süßen Gesang gegeben. Für ihn stellte man einen Lehnstuhl hin, beschlagen mit Silbernägeln, mitten unter die Tischgenossen, und lehnte ihn an den großen Pfeiler. Und der Herold hängte ihm zu Häupten an einen Pflock die helltönende Leier und zeigte ihm, wie er sie mit den Händen ergreifen könne. Und er stellte vor ihn einen Korb und einen schönen Tisch hin und einen Becher Wein, damit er trinken könne, wenn es sein Herz befahl. Und alle streckten die Hände aus nach den bereiteten vorgesetzten Speisen.

Doch als sie sich das Verlangen nach Trank und Speise vertrieben hatten, da regte die Muse den Sänger an, dass er den Ruhm der Männer sänge aus einer Liederfolge, deren Ruhm damals zum breiten Himmel reichte: den Streit des Odysseus und des Achilleus – wie sie einstmals bei einem blühenden Götterschmaus mit gewaltigen Worten miteinander gestritten und sich Agamemnon, der Herr der Männer, gefreut hatte in seinem Sinne, dass die besten der Achaier miteinander stritten. [...] Dies sang der rings berühmte Sänger. Odysseus aber ergriff den großen purpurnen Mantel mit den starken Händen und zog ihn sich über das Haupt herab und verhüllte das schöne Antlitz, denn er schämte sich vor den Phaiaken, dass er unter den Augenbrauen Tränen vergoss. Und jedes Mal, wenn der göttliche Sänger mit Singen einhielt, wischte er sich die Tränen und zog den Mantel vom Haupte und fasste den doppelt gebuchteten Becher und tat den Weiheguss an die Götter. [...] Da blieb es allen anderen verborgen, wie er Tränen weinte. Nur König Alkinoos wurde es an ihm gewahr, und er merkte es, da er dicht bei ihm saß und hörte, wie er schwer stöhnte.“ (8,62-95)

Am nächsten Abend sitzt Odysseus wieder neben dem König, und der spricht zu dem Herold: „Da, Herold! Reiche dieses Stück Fleisch dem Sänger Demódokos, dass er es esse und ich ihm eine Aufmerksamkeit erweise, so sehr ich auch bekümmert bin! Genießen doch bei allen Erdenmenschen die Sänger Ehre wie auch Ehrfurcht, weil die Muse sie die Sangespfade gelehrt hat und den Stamm der Sänger lieb hat.“ [...] Da sprach der vielkluge Odysseus: „Demódokos! Über die Maßen preise ich dich unter allen Sterblichen: ob dich nun die Muse, die Tochter des Zeus, gelehrt hat oder auch Apollon. Gar nach der Ordnung nämlich singst du das Unheil der Achaier: wie viel sie getan und gelitten haben und wie viel sie ausgestanden, die Achaier, so als wärst du selbst dabei gewesen oder hättest es gehört von einem andern.“ (8,477-491)

Der Sänger Homer ist also „der erste Dichter des Abendlandes“ – so der Untertitel von Lataczs Werk „Homer“, auf das ich mich hier großenteils stütze. Seine Werke sind – nach der Neuerfindung des Alphabets in Griechenland – im 8. Jh. v. Chr. niedergeschrieben und ohne wesentliche Unterbrechung 2700 Jahre bis zu uns Heutigen überliefert worden. Mit den beiden ihm zugeschriebenen Groß-Epen (mit zusammen ca. 28.000 Langversen) hat er die Entwicklung nicht nur der griechischen, sondern auch der römischen und neuzeitlichen Dichtung geprägt.

Ursprünglich wurden die Erzählungen über Troja und Odysseus vorgetragen, begleitet von einem Saiteninstrument, der viersaitigen Phorminx, durch Sänger, Aoidoí, die frei, d.h. ohne geschriebenen Text, in Hexametern sangen in hohen Hallen vor Königen und ihrer adligen Gefolgschaft. So haben wir es ja soeben über den Sänger Demódokos gehört. Später lernten Rhapsoden – das sind Vortragskünstler wie unsere heutigen reisenden Konzertsänger – die Texte auswendig und sangen sie vor. Der athenische Staatsführer Peisistratos ordnete schon in der 2. Hälfte des 6. Jh.s an, beide homerischen Epen am jährlichen Staatsfest Athens, den Panathenäen, zur Gänze öffentlich dem Volke vorzutragen. So erzeugten Homers Werke im griechischen Sprachraum ein starkes Identitätsgefühl.

Über Homers Leben wissen wir wenig. Die antiken Biographien gelten als fast ganz unzuverlässig. Was man wissen kann, erschließt Latacz in Einzeluntersuchungen aus Homers Werk. Latacz stellt schließlich die Kurzfassung eines erschlossenen, möglichen Lebenslaufs Homers zusammen: Homer ist um 770 v. Chr. in einer Küsten- oder Inselstadt im kleinasiatischen Ionien in gutem Hause geboren, vielleicht in Smyrna (heute Izmir) oder auf Chios. Die alten Heldenlieder hat er aus dem Munde der Aoiden von früh an gehört. Seine Erziehung war gut, schreiben und lesen hat er vielleicht noch als Knabe, sicherlich aber als junger Mann gelernt. Reisen – erleichtert durch die weit reichenden Familienbindungen des Adels – haben ihn weit in Griechenland herumgeführt. Um 730, als etwa Vierzigjähriger, hat der berühmt gewordene Aoide Homer im allgemeinen Schwung der Zeit das neue Selbstgefühl des Adels in zeitgemäßer Wiederbelebung der alten Ruhmeslieder vom Kampf um Troja zu neuem Ausdruck gebracht. Und ausgeschlossen ist es nicht, dass er – beflügelt durch den unerhörten Erfolg der „Ilias“ – um 710, als etwa Sechzigjähriger, die durch Kolonisation und Handel beschleunigte Veränderung des traditionellen Welt- und Menschenbildes in einer zweiten großen Weltdeutung, der „Odyssee“, noch selbst ins Wort gesetzt hat. Der Ruhm seiner Werke hat sich noch zu seinen Lebzeiten rasch über die ganze griechische Welt verbreitet, so dass sein Name, als Homer um 700 starb, so fest mit „Ilias“ und „Odyssee“ verbunden blieb, dass er von da an niemals mehr vergessen wurde. (L 89 f.)


(2) Wer war Odysseus?

War er nur eine Sagengestalt? Ja. Aber wir wissen: Sagen haben einen wahren, historischen Kern. Das unterscheidet sie von Märchen. Homer erzählt: Odysseus war der Sohn des Königs Laertes, und der war einer der berühmten Argonauten, die einst als erste griechische Seefahrer den Zugang vom Mittelmeer zum Schwarzen Meer entdeckten. Verheiratet war Odysseus mit Penelopeia, sein Sohn war Telemachos, und er selbst war König der kleinen Insel Ithaka – gelegen zwischen der größten Ionischen Insel Kefallinia und dem griechischen Festland. Im Übrigen war er wohl kurzbeinig und rothaarig.

Vor allem galt er als der intelligenteste, erfindungsreichste, listenreichste und verschlagenste der ohnehin klugen Griechen. Ihm allein verdankten die Griechen nach 10-jährigem unentschiedenem Kampf schließlich ihren Sieg über Troja: seiner weltberühmten List mit dem hölzernen „trojanischen Pferd“. Homer nennt diesen Mann gleich im 1. Vers des Epos „polýtropos“, d.h. den „vielgewandten“ oder den „viel umgetriebenen“ oder, wie ich lieber übersetze: den „viel verschlagenen“ (im doppelten Sinne des Wortes: vom Schicksal ins Weltmeer verschlagen und zugleich: den verschlagenen, also listigen ...). Sehr oft heißt er auch der „vielduldende“ oder gar der „göttliche“. Nicht zuletzt aber ist Odysseus auch das Urbild des Spätheimkehrers.

Latacz fasst zusammen: „Alles, was an Intelligenz, Gewandtheit, Diplomatie, Pragmatik, unzerstörbarem Lebenswillen, Erfindungsgeist und prinzipieller Hoffnung in Menschen lebt, war in unzähligen Geschichten schon seit Jahrhunderten auf ihn übertragen worden“ (171).

Ernle Bradford, der englische Navigator und Homerkenner, sieht in Odysseus vor allem das Urbild aller Seefahrer und Entdecker. „Es gab wohl nur wenige Griechen, die über Wind und Wetter besser Bescheid wussten als Odysseus.“ – „Die Gewässer, auf denen Odysseus nun so viele Jahre seines Lebens verbringen sollte, waren den Griechen damals so fremd wie der Atlantik dem Schiffsvolk, das mit Kolumbus fuhr. Es war eine sagenhafte und geheimnisvolle See, an deren Ende die Säulen des Herakles standen, hinter denen der gnadenlose Strom des Weltmeers ewig die Erde umfloss. Wenn die Fahrt der Argonauten davon handelt, wie die Griechen den Zugang zum Schwarzen Meer entdeckten, dann handelt die Fahrt des Odysseus, des Argonautensohns, davon, wie sie zum ersten Mal ins westliche Mittelmeer vorstießen. Die Fahrt des Odysseus ist in verschiedener Hinsicht der des Kolumbus vergleichbar. Von dem Augenblick an, wo er Griechenland hinter sich lässt, wird er mehr als der Held von Troja, dessen Kriegslist den Untergang der Stadt herbeiführte – er wird zum Inbegriff aller Weltmeer-Erforscher.“ (B 50) So weit Ernle Bradford.

Davon freilich wissen unsere Stubengelehrten und Homer-Philologen nichts. Sie wissen nichts von der Seefahrt, und sie wollen davon nichts wissen. Latacz z.B. spricht mit Verachtung von gewissen Büchern, die herausfinden wollen, zu welchen Inseln und Küsten Odysseus denn gefahren sei. Wer so etwas liest, sagt Latacz, „hört nur die alte Seemannssage. Homer hört er nicht.“ (Schlusssatz 194) Nun, hören wir doch einmal, was ein leidenschaftlicher Seefahrer und Homer-Kenner herauszufinden vermag.


Route Odysseus


(3) Ernle Bradford: „Reisen mit Homer. Die wiedergefundenen Inseln, Küsten und Meere der Odyssee“ (Bern, München, Wien 1964)
(Nachdruck: Ernle Bradford: Reisen mit Odysseus - zu den schönsten Inseln, Küsten und Städten des Mittelmeers. Inselverlag 1999)

Ernle Bradford war im 2. Weltkrieg Navigator eines englischen Zerstörers. Er war also der verantwortliche Marineoffizier für die Standort- und Kursberechnungen eines großen Kriegsschiffs. Danach befuhr er 7 Jahre lang – das amtliche britische Segelhandbuch sowie Homers „Odyssee“ im Seesack – mit kleinen Segelbooten das Mittelmeer kreuz und quer. Dieses Meer mit seinen Winden und Strömungen, Küsten und Inseln hat er in der Kielspur des alten Odysseus gründlich kennen gelernt und ist so – nicht am Schreibtisch! – zu Erkenntnissen über Homers Geographie – die gibt es tatsächlich! – sowie über die Schiffe und die Fahrtrouten des Odysseus gekommen wie kein zweiter.

Odysseus, der König der kleinen, felsigen Insel Ithaka, stach wohl im 13. Jh. v. Chr. mit 12 Schiffen in See, um gemeinsam mit der großen griechischen Flotte unter Führung von Agamemnon, dem König von Mykene und mächtigsten Herrscher Griechenlands, gegen Troja zu segeln, das an der Einfahrt zu den Dardanellen lag.

Bei den homerischen Schiffen handelte es sich – nach Bradford – um offene, nur vorn und hinten gedeckte flache Boote, die so gebaut waren, dass sie glatt auf den Strand gesetzt werden konnten. Sie wiesen wohl 20 Riemen auf, 10 an jeder Seite. Das ergibt zunächst eine Besatzung von 20 Mann. Da aber das Boot oft lange ständig fortbewegt werden musste, wird jedes die doppelte Zahl an Bord gehabt haben, damit sie sich beim Rudern abwechseln konnten. Man brauchte sie zudem, wenn es galt, einen Landungstrupp auszuschicken, um Beute zu machen. Bei 12 Schiffen ergibt das über 500 Mann, die übrigens keine Galeerensklaven waren, sondern freie Griechen.

Stehende Beiwörter für die Schiffe sind „schnell“, „gut gebaut“, „hohl“ und „schwarz“. „Schnell“ waren sie, weil sie keine bauchigen Handelsschiffe waren, sondern Kriegsschiffe. „Gut gebaut“ heißen auch heute noch Fahrzeuge, die sich leicht handhaben lassen. „Hohl“ ist ein offenes Boot ohne Deck und Kajüte. „Schwarz“ waren sie, weil sie zum Schutz vor Verwitterung im warmen Mittelmeer-Wasser geteert waren. Für viele Jahre war das Zuhause des Odysseus also ein schnelles, offenes, geteertes Boot mit einem umklappbaren Mast und einem Rahsegel aus Leinen oder Papyrus. Strudel und Stromversetzungen, die heute für ein motorgetriebenes Schiff belanglos sind, bildeten für den Fahrensmann damals eine furchterregende Gefahr, zumal er weder über Seekarten noch Kompass verfügte. „Er bewegte sich in einer Welt, in der alles fremd und rätselhaft war.“ Die weitgehend auf ihre Körperkraft angewiesenen Seeleute hielten sich damals, wenn möglich, dicht unter der Küste. Da man nur geringen Tiefgang hatte, konnte man sich bei Sturm rasch in Buchten oder Flussmündungen retten und die Gefahr „abwettern“.

Ganz im Gegensatz zu Märchenerzählern liebt Homer ständig sehr genaue Angaben, so dass man geradezu von einer homerischen Geographie sprechen kann. Homers Beschreibungen der örtlichen Gegebenheiten sowie der Winde und Strömungen weisen oft eine unglaubliche „Ähnlichkeit mit den Segelhandbüchern auf, wie sie das Britische Marineamt herausgibt“, stellt Bradford fest. Vielleicht hatte Homer selbst sogar so etwas wie Segelhandbücher vor sich? Es gab sie, und sie hießen im Altertum „periploi“. „Der älteste ‚periplous’, den wir kennen, stammt aus dem 4. Jh. v. Chr., aber in Anbetracht des regen Schiffsverkehrs […] ist anzunehmen, dass es schon früher welche gab“. Sicher aber gab es schon lange Zeit mündliche Überlieferungen. Ernle Bradford stellt fest: „Die ‚Odyssee’ ist das Epos eines Volkes, für das die Schifffahrt lebenswichtig war; es ist deshalb weiter nicht erstaunlich, dass darin so viel Tatsächliches hineinverarbeitet ist. Der Eindruck der Echtheit wird durch die ins einzelne gehende Beschreibung von Wind und Wetter, Ufern und Häfen erzielt; sie gibt dem Ganzen sein festes Gefüge.“ (B 68)

Als Beispiel für die geographische Genauigkeit Homers sei nun zitiert, was Bradford für Homers Schilderung der dicht vor Sizilien liegenden Ägadischen Insel Favignana hält:

„Alsdann erstreckt sich da querab vom Hafen eine flache Insel, weder nah am Land der Kyklopen noch weit ab, eine bewaldete, und darauf leben unendliche wilde Ziegen. Denn kein Pfad der Menschen vertreibt sie. [...] Diese [Menschen] hätten wohl auch die Insel zu einer gutbebauten machen können; denn sie ist gar nicht schlecht, und sie würde alles tragen nach der Jahreszeit. Denn auf ihr sind Wiesen an den Gestaden der grauen Salzflut, feuchte, weiche: da könnten recht wohl unvergängliche Reben sein. Und ebenes Ackerland ist darauf: dort könnte man recht wohl eine tiefe Saat jeweils zu den Zeiten der Ernte schneiden, denn sehr fett ist der Boden darunter. Und auf ihr ist ein Hafen, gut anzulaufen, wo kein Haltetau nötig ist und auch nicht nötig, Ankersteine auszuwerfen noch Hecktaue anzubinden, sondern man braucht nur aufzulaufen und eine Zeit zu warten, bis der Mut der Schiffer sie treibt und die Winde heranwehen. Doch am Kopf des Hafens fließt helles Wasser, eine Quelle, hervor aus einer Grotte, und Pappeln wachsen darum. Dort liefen wir an – und es ging ein Gott vor uns her – während der dunklen Nacht [...].“ (9,114-143)

Und hier zum Vergleich dagegen eine Beschreibung von Prosperos Insel in Shakespeares Drama „Der Sturm“ (IV, 1):


[...]
Und deine Hügel, grün, voll weidenden Schafen,
Mit strohgedeckten Hürden, wo sie schlafen,
Den Bach, dem Zweiggeflecht stützt seinen Rand,
Den dir April hüllt in ein bunt Gewand,
Aus dem die keusche Nymphe Kränze flicht,
Und Büsche, deren Schatten das Gesicht
Des Jünglings schützt, dem seine Liebste fehlt,
Und deine Weinberge, umhegt, umpfählt,
Und deine Felsenküste, wo nichts sprießt
[...].


Bradford erklärt: „Shakespeares Insel liegt im Niemandsland dichterischer Phantasie. Es wäre in der Tat ein müßiges Unterfangen, sie auf einer Seekarte suchen zu wollen. Homers Beschreibung dagegen ist sachlich und geht auf Einzelheiten ein – sie könnte beinahe aus dem Prospekt eines Grundstücksmaklers stammen oder aus einer Werbeschrift für Auswanderer. Wenn immer möglich, wird in der „Odyssee“ die Beschaffenheit eines Hafens geschildert [...]; auch das, was bei jedem Fahrensmann gleich hinterher kommt – Trinkwasser – wird jeweils erwähnt.“ (B. 67) Ich möchte hinzufügen: Shakespeares Prospero-Insel entspricht einem Topos, dem Topos des locus amoenus, des lieblichen Orts. Seit der Antike wird er immer wieder geschildert mit den gleichen Klischees: Da ist ein grüner Hügel, ein Bach mit Blumen, da sind Büsche und Weinberge, dazu gehören noch Nymphen und ein liebender Jüngling.

Von den 4 Ägadischen Inseln, die dicht vor der Nord-West-Ecke Siziliens liegen, sind 3 unfruchtbar und rau. Nur die eine, heute Favignana genannt, hat den von Homer beschriebenen Hafen und Quellen. So sucht und identifiziert der homerbewanderte Segler Bradford die von Homer beschriebene „Ziegeninsel“.

Nun ein Beispiel für die oft so genauen Zeit- und Streckenangaben Homers, die Bradford, der Marineoffizier, der als Navigator für die Standort- und Kursberechnung eines Zerstörers verantwortlich war, nachrechnet. Odysseus ist auf seiner Heimreise an der Südspitze der Peleponnes angelangt und will – den Polarstern fest im Blick – nach Norden halten, zur Heimatinsel Ithaka. Da kommt er plötzlich völlig vom Kurs ab: Er wird hier vom Kap Maleia her aus dem Ägäischen Meer durch einen Nord-Sturm in das südwestliche Mittelmeer an die Küste Afrikas gefegt. Erst am 10. Tag sieht er, wie Homer berichtet, Land, das sich als das der Lotosesser herausstellen sollte. Homer lässt Odysseus diese Irrfahrt selbst erzählen:

„Da setzten wir die Mastbäume und zogen die weißen Segel auf und saßen da, und die Schiffe lenkten der Wind und die Steuerleute. Und nun wäre ich wohl unversehrt ins väterliche Land gekommen, doch trieb die Woge und die Strömung mich ab, als ich [Kap] Maleia umrunden wollte, und auch der Nordwind, und verschlug mich vorbei an [der Insel] Kythera. Von da wurde ich neun Tage von bösen Winden über das fischreiche Meer getragen, jedoch am zehnten liefen wir an im Lande der Lotophagen, die pflanzliche Nahrung essen. Dort stiegen wir an das feste Land und schöpften uns Wasser, und alsbald nahmen die Gefährten das Mahl bei den schnellen Schiffen.“ (9, 77-86)

Das Segelhandbuch des Britischen Marineamts beschreibt nun tatsächlich sehr genau für diese Meeresgegend den von Homer genannten „Nordwind“ als den bekannten „Levanter“, der tagelang anhalten kann. Homer spricht von genau 9 Tagen. Kann man die Route des Odysseus nachrechnend verifizieren?

Bradford erforscht zunächst einmal die Fahrtleistung der homerischen Schiffe. Es zeigt sich, „dass Schiffe wie die des Odysseus bei achterlichem Wind etwa drei Knoten Fahrt machten. Drei Knoten Fahrt, neun Tage und Nächte (216 Stunden) lang, ergibt eine zurückgelegte Strecke von 648 Seemeilen. Nun liegt die Insel Dscherba [im heutigen Tunesien] ungefähr 650 Seemeilen entfernt von einem Punkt halbwegs zwischen Kap Malea und der Insel Kythera. Bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von drei Knoten wäre Odysseus also am zehnten Tag dorthin gelangt, was nach der „Odyssee“ auch der Fall war. Bei einem anhaltenden Levanter, in einem vor dem Wind und der Dünung laufenden offenen Boot, erwartet man Odysseus genau dort wiederzufinden, wo er der Überlieferung zufolge hingeriet, eben im Golf von Gabes, wo Dscherba liegt. Ich sehe deshalb nicht ein, warum es eine „Albernheit“ sein sollte, in der Insel Dscherba das Land der Lotosesser zu sehen, wie dies [doch] schon im Altertum geschah.“ (B 55)


(4) Was hat uns nun der Sänger Homer selbst zu erzählen über des Odysseus Irrfahrten, Entdeckungsfahrten und Heimfahrt? Ich kombiniere Homers Erzählung mit den nautischen Informationen des modernen Navigators Ernle Bradford.

Hören wir Homer doch gleich selbst, den Anfang der „Odyssee“: „Andra moi ...“ (Daktylen, das 6-Maß.)

„Den Mann nenne mir, Muse, den vielgewandten, der gar viel umgetrieben wurde, nachdem er Trojas heilige Stadt zerstörte. Von vielen Menschen sah er die Städte und lernte kennen ihre Sinnesart. Viel auch litt er Schmerzen auf dem Meer in seinem Gemüte, während er sein Leben zu gewinnen suchte wie auch die Heimkehr der Gefährten. [...] Davon – du magst beginnen, wo es sein mag – Göttin, Tochter des Zeus, sage auch uns!“

Zunächst etwas Merkwürdiges: Es ist offenbar gar nicht der Dichter Homer, der hier singt. Es ist „die Muse“ selbst, die singend erzählen soll! Und diese ist eine sehr hohe Göttin: eine Tochter des höchsten Gottes, Zeus. Wir hören also die Muse – der Dichter ist nur ihr Werkzeug, ihr Mund. Und die Muse singt in Versen, denn Verse sind die Redeweise der Götter; sie parlieren nur singend in Versen (beinahe wie Rezitative in der Oper).

Und noch etwas ist hier wichtig. Der Dichter sagt: Muse, „du magst beginnen, wo es sein mag ...“ Und in der Tat. Homer erzählt nicht, wie man das von einem „Anfänger“ (am Anfang aller abendländischen Epik!) erwarten würde, chronologisch, eins nach dem andern, etwa beginnend damit, wie Odysseus heimwärts segelt. Nein, Homer ist der erste Dichter – und schon gleich der Erfinder der Rückblende. Anfangs berichtet er über die Suche des Telemachos, des gut 20 Jahre alten Sohnes von Odysseus nach seinem verschollenen Vater, den er in den 20 Jahren ja nie gesehen hat. Dann treffen wir Odysseus erstmals irgendwo „auf einer umströmten Insel, wo der Nabel des Meeres ist“ (1,50) und die beherrscht wird von der Göttin Kalypso. Nach drei Jahren Irrfahrt ist Odysseus – an eine Planke seines zertrümmerten Schiffs geklammert – auf dieser Insel Ogygia – nach Bradford die Insel Malta – gestrandet, auf der er von der Göttin 7 lange Jahre festgehalten wird, weil sie ihn zum Manne begehrt. Doch Odysseus sehnt sich, „Leiden leidend“, nach seiner Heimat-Insel und nach seiner Frau Penelopeia. Auf einem Floß gelangt er schließlich zu den gastfreundlichen Phaiaken auf Korfu, wo er dann seine Abenteuer selbst erzählt – in einer großen Rückschau.

Wir aber wollen – der Übersicht halber und um uns nicht in den Irrfahrten zu verirren – der Route des Odysseus der Reihe nach folgen von dem Tag an, als er mit seinen ca. 500 Mannen auf 12 Schiffen die rauchenden Trümmer Trojas hinter sich lässt, um schnellstmöglich heim zu segeln.


Das 1. Abenteuer: Eine Stadt wird geplündert

Aber der „Städtezerstörer“ Odysseus will rasch noch eine Stadt plündern – gegenüber von Troja an der Küste Thrakiens. Sie heißt Ismaros, und hier wohnen die Kikonen, ein Hilfsvolk der Troer. Die Hafenstadt wird zerstört. Man raubt die Reichtümer und besonders viele Schläuche und Amphoren des damals berühmten Weins. Odysseus fürchtet die Rache der Umwohnenden und will sofort wieder in See stechen. Doch seine Gefährten feiern den Sieg mit einem großen Gelage. Da greifen die Nachbarn an und töten etwa 60 Griechen. Die andern entkommen und segeln in Richtung Heimat Ithaka, das vor der Westküste des griechischen Festlands liegt.


Das 2. Abenteuer: Bei den Lotosessern

Als sie die Südost-Spitze der Peleponnes umsegeln wollen, werden sie – das habe ich vorhin ausführlich zitiert und beschrieben – von einem Levanter, einem Nordwind, 9 Tage lang abgetrieben. Odysseus ist wohl der erste Seemann, der je in dieses menschenleere Meer vorstößt bis zur afrikanischen Küste. Dort landen sie auf der Insel Dscherba (im heutigen Tunesien). Sogleich schickt Odysseus 3 Mann zur Erkundung aus. Als sie nicht zurückkehren, lässt er ihnen Späher folgen.

Die Einheimischen, Lotosesser genannt, essen hier süße, kirschenartige Früchte des Lotosbaums und bewirten auch die 3 Kundschafter damit. Die Wirkung ist offenbar die einer Droge: Sie vergessen alles, sogar ihre Gefährten und ihre Heimat. Odysseus lässt sie mit Gewalt zurückholen und unter den Ruderbänken festbinden, um eine gefährliche Meuterei zu unterbinden.

Das Geschwader läuft sofort aus. Odysseus weiß, dass er sehr weit nach Südwesten abgekommen ist und hält strikt Nordkurs. Er ist der erste Mensch, von dem berichtet wird, dass er sich als Seefahrer nach den Sternen richtete: nach dem Großen Bären bzw. dem Großen Wagen und dementsprechend dem Polarstern. Die 12 Schiffe erreichen nach 280 Seemeilen endlich Land.


Das 3. Abenteuer: Beim Kyklopen Polyphemos

Sie landen 4 Meilen vor der Küste an der Nordwest-Ecke Siziliens vor dem heutigen Trapani an einer der 4 kleinen Ägadischen Inseln, der „Ziegeninsel“ Favignana – nachts und bei dichtem Seenebel. Ich habe vorhin Homers genaue Ortsbeschreibung und Bradfords Identifizierung der Homerischen „Ziegeninsel“ mit Favignana ausführlich als Beispiel behandelt – auch mit einem längeren Homer-Zitat. Von hier aus, erzählt Odysseus, „sahen wir den Rauch des Kyklopenlandes und hörten die Stimme der Ziegen und Schafe.“ Odysseus segelt nun mit einem seiner 12 Schiffe aus Neugier hinüber zum Festland, um herauszufinden, was hier für Menschen leben. Offenbar war Odysseus der erste Grieche, der seinen Fuß auf dieses Gestade setzte. Nur 12 der tapfersten Männer nimmt er zur Entdeckungsfahrt mit.

Nahe dem Ufer landet er bei einer Höhle, die von Lorbeer überwachsen und geschützt ist von einem Wall aus Findlingsblöcken und Eichenstämmen. Ähnliche Grotten für Schafherden gibt es im Mittelmeergebiet heute noch häufig. Drinnen meckern die Ziegen und blöken die Schafe. Die Griechen dringen nun ein, und die Männer wollen gleich möglichst viele Zicklein und Lämmer sowie Käse in Körben als Proviant zum Schiff mitnehmen und das Weite suchen. Doch der wissbegierige Odysseus möchte unbedingt den Hirten der Höhle kennen lernen. Der kommt tatsächlich bald, wirft krachend eine Menge Brennholz auf den Boden, treibt die weiblichen Tiere in die Höhle und lässt die männlichen draußen im Pferch. Mit einem gewaltigen Felsblock schließt er den Eingang. Der Hirte ist ein gewaltiger Riese. Odysseus erzählt später: Er „glich nicht einem brotessenden Manne, sondern einer bewaldeten Felsenkuppe von hohen Bergen“. (9,190)

Natürlich übertreibt Odysseus gewaltig, wie eben viele das tun, die sich später erzählend an ein großes Abenteuer erinnern. Ursprünglich war es wohl die Begegnung mit einem hünenhaften kannibalischen Ureinwohner Siziliens. Dass er angeblich nur ein Auge hatte, könnte so erklärt werden: Es gibt Weltgegenden, wo man sich als Stammesmerkmal ein Extra-Auge auf die Stirn tätowiert. Der Hüne nennt sich selbst Polyphemos, Sohn des Meergottes Poseidon, und gehört zum auf Sizilien hausenden Volk der Kyklopen. Im Altertum nannte man überhaupt alles Großmächtige, Uralte „zyklopisch“, z.B. die „Zyklopenmauern“ in Tiryns, aufgetürmt aus tonnenschweren Steinbrocken.

Sogleich packt sich Polyphemos nun 2 griechische Männer, schlägt sie auf den Boden wie junge Hunde, so dass das Gehirn herausspritzt, schneidet sie klein und frisst sie so gierig auf, dass ihre Knochen knacken. Als er schläft, möchte Odysseus ihn mit dem Schwert töten, aber: Wer hätte dann den riesigen Felsen vom Eingang weggewälzt? Am nächsten Morgen verspeist der Kyklop 2 weitere Griechen, treibt seine Tiere hinaus und verschließt die Höhle wieder mit dem Felsblock. Die Griechen sitzen nun in der Falle. Am Abend frisst der Kannibale wieder 2 Gefährten.

Jetzt kann nur noch List die Eingeschlossenen retten. Odysseus reicht dem Polyphemos aus einem Schlauch Wein, den er als eventuelles Gastgeschenk bei sich hat. Nun fragt der Kyklop Odysseus nach seinem Namen. Der antwortet: „Ich heiße Oudeis“ (d.h. „Niemand“ – ein griechisches Wortspiel mit „Odysseus“). Der Kyklop erwidert: „Und mein Gastgeschenk für dich ist: Den Niemand hebe ich mir als Leckerbissen bis zuletzt auf!“ Dann schläft Polyphemos volltrunken ein und erbricht Brocken von Menschenfleisch. Die Griechen machen nun einen zuvor zugespitzten Olivenstamm im Feuer an der Spitze glühend und bohren ihn ins Auge des Riesen, dass es nur so zischt und die Augenbrauen und Wimpern in der Glut prasseln. Polyphemos brüllt wie am Spieße, so dass seine Nachbarn herbei kommen, und schreit: „Oudeis, Niemand, will mich ermorden!“ Da ziehen die wilden Nachbar-Kyklopen kopfschüttelnd wieder nach Hause. Und so hatte Odysseus nicht nur das Auge des einäugigen Kannibalen geblendet, sondern ihn auch durch den erlogenen, trickreichen Namen im übertragenen Sinne „geblendet“.

Am Morgen hockt sich der Unhold nun an den Ausgang, um seine Schafe hinauszulassen und dabei die fliehenden Griechen zu packen, indem er die Schafe abtastet. Doch Odysseus lässt seine verbliebenen Gefährten je 3 Böcke zusammenbinden, damit sie sich – seitwärts geschützt – am wolligen Bauch des mittleren festkrallen. Als Letzter hängt sich Odysseus selbst unter den großen Leithammel. Auch dessen Rücken betastet Polyphemos und spricht: „Ach, mein Lieber, sonst bist du doch immer der Erste. Jetzt aber trauerst du gewiss mit deinem Herrn ...“

Odysseus aber und seine überlebenden Gefährten treiben noch schnell viele Schafe als Proviant in ihr Schiff und rudern davon. Aber Odysseus kann es sich nun nicht verkneifen und ruft dem blinden Menschenfresser vom Boot aus höhnend nach: Er sei kein „Oudeis“, kein „Niemand“. Nein, Odysseus, der Zerstörer Trojas, habe ihn geblendet. Da brüllt Polyphemos flehend zu seinem Vater, dem Meergott Poseidon, er solle Odysseus auf dem Meere strafen und nie oder doch erst sehr spät heim gelangen lassen.

Das Schiff erreicht rasch wieder die nahe Ziegeninsel. Die dort wartenden Männer jubeln und braten gleich Fleisch, trinken Wein und schlafen dann nachts am Strand. Am Morgen rudern und segeln sie weiter, „betrübten Herzens, froh dem Tod entronnen, verlustig lieber Gefährten“, wie Homer singt (9,566).


Das 4. Abenteuer: Auf der Wind-Insel des Aiolos

Odysseus muss, um nach Ithaka heim zu gelangen, Kurs nach Nordosten halten. Etwa 60 Seemeilen von hier liegt Ustica, eine einsame Insel, westlich abseits der Liparischen Inseln. Diese hält Bradford für die Wind-Insel des Aiolos. Sie ist hier tatsächlich jedem Seewind ausgesetzt mit ihrer steil abfallenden Küste. Im britischen Segelhandbuch heißt es: „An vielen Stellen ist die Küste steil und unzugänglich.“ Und Homer sagt dem entsprechend: „Glatt erhebt sich der Felsen“ an der Küste. Der Herrscher dieser einsamen Insel, Aiolos, ist von Zeus zum Herrn der Winde bestellt worden. Odysseus erhält von ihm als Gastgeschenk einen prall gefüllten Lederschlauch, in den alle Winde eingeschnürt sind, außer dem Westwind; denn der bläht ihnen jetzt die Segel zur zügigen Heimfahrt. Das Segelhandbuch stellt dazu passend fest: „Nordwestliche Winde sind in dieser Gegend fast das ganze Jahr hindurch am häufigsten!“

Die Strecke von der Wind-Insel Ustica zur Odysseus-Insel Ithaka beträgt etwa 600 Seemeilen. Bei 3 Knoten Fahrt müsste Odysseus nach 9 Tagen Griechenland in Sichtweite gehabt haben. Tatsächlich heißt es bei Homer: „Neun Tage fuhren wir in einem fort die Nächte hindurch und auch am Tage. Am 10. aber zeigte sich schon das väterliche Land.“ (10,27) Nun endlich kann sich Odysseus, der selbst ununterbrochen gesteuert hat, etwas tiefen Schlaf gönnen. Und da öffnet die Mannschaft das geheimnisvolle Geschenk des Aiolos, den Lederschlauch mit den gefesselten Winden. Sofort brausen sie hervor und treiben die 12 Schiffe vom Land weg.

Das alles klingt natürlich höchst märchenhaft, ist aber leicht zu entmythologisieren. Das Segelhandbuch erklärt: „Überall in dieser Gegend, wenn die Küste gebirgig ist, treten Fallböen auf [...], namentlich an der Westküste Griechenlands.“ Bei solchen Fallböen ist sogar ein modernes Segelboot hilflos. Auch Bradford selbst wäre beinahe einmal trotz seines starken Bootsmotors in den gegen die Felsen prallenden Seen zerschellt. Odysseus muss, wie jeder Segler, in solch einer Situation unbedingt vor dem Sturm segelnd wieder hinaus auf die hohe See halten. Der herumholende Wind treibt die Flotte auf das Ionische Meer hinaus, südlich an Sizilien vorbei und schließlich zurück zur Insel des Aiolos nach Ustica. Odysseus bittet nun den Herrn der Winde wieder flehentlich um Hilfe. Doch der schreit erbost: „Einem Manne, den die Götter derart hassen, darf ich nicht beistehen!“


Das 5. Abenteuer: Schiffsuntergang bei den Laistrygonen

Es gibt also für die Flotte des Odysseus gar keinen Wind: völlige Flaute! So müssen die „schwer Stöhnenden“ rudern. Odysseus berichtet: „Und der Mut der Männer wurde aufgerieben durch die schmerzliche Ruderarbeit um unserer Verblendung willen. 6 Tage fuhren wir immerfort die Nächte hindurch und auch am Tage.“ (10,80) Endlich erreichen sie einen Hafen, den Homer genauestens beschreibt: Die natürliche Bucht ist von steilen Felsen geschützt und wird nur erreicht durch eine ganz schmale Einfahrt. So einen Hafen gibt es, sagt Bradford nach langem Suchen, allein in Bonifacio auf Korsika. Doch hier ist das Geschwader den dort wohnenden kannibalischen Laistrygonen in einer Todesfalle hilflos ausgeliefert. Und da geschieht die Katastrophe: Die Laistrygonen „warfen mit Feldsteinen [...] von den [Küsten]Felsen herab.“ Alle Schiffe werden zertrümmert, die Männer ertrinken. Allein Odysseus entkommt, da er sein Boot außerhalb der Einfahrt an einer Klippe festgemacht hat. Er berichtet: Meine Mannschaft „schlug keuchend die Flut, aus Furcht vor dem Tode. Aber glücklich enteilte mein Schiff von den steilen Felsen ins offene Meer.“


Das 6. Abenteuer: Bei der Zauberin Kirke

Mit seinem letzten Schiff steuert Odysseus geradewegs nach Osten, wo Ithaka liegen muss. Er weiß freilich nicht, dass von hier aus gesehen der ganze lange Stiefel Italiens dazwischen liegt. So stößt er nach 180 Seemeilen auf Cap Circeo, das schon seit Menschengedenken so heißt. Es liegt etwa auf halber Strecke zwischen dem heutigen Rom und Neapel. Homer nennt es die Insel Aia. Hier ist die Wohnstätte der göttlichen Zauberin Kirke (Circe). Homer nennt sie „die Flechtenschöne, die furchtbare Göttin, begabt mit Sprache“. Als die Abenteurer in einer Waldlichtung aus einem Steinhaus Rauch aufsteigen sehen, teilt Odysseus seine Leute in 2 Gruppen zu je 22 Mann. Eine Gruppe bleibt zur Sicherheit beim Schiff, die andere unter Führung von Eurylochos gelangt zu dem großen Haus, um das sich merkwürdigerweise zahme Löwen und Wölfe tummeln und in dem die Göttin am Webstuhl singt. Die schöne Frau bittet die Männer freundlich ins Haus. Nur Eurylochos vermutet gleich eine List und bleibt draußen. Drinnen reicht die zauberhafte Zauberin ihnen Speisen – vermischt mit betäubenden Kräuterdrogen – und verwandelt sie mit ihrer Zaubergerte in Schweine. Eurylochos ist entsetzt und berichtet es atemlos dem Odysseus. Der will sofort die Gefährten befreien. Der Botengott Hermes (der übrigens ein Urahn des Odysseus ist) steht ihm bei und gibt ihm ein pflanzliches Gegengift mit. Kirke will nun auch ihn in ein Schwein verwandeln, doch ihr Zauber versagt. Odysseus geht mit dem gezückten Schwert auf sie los! Da fleht Kirke: „Stecke dein Schwert in die Scheide und komm, besteige mein Lager! Vereinigen wir uns lieber auf diese Weise!“ Aber Odysseus nennt sie hinterlistig und zwingt sie, einen heiligen Eid zu schwören, dass sie kein Übel gegen ihn anstiften und die Gefährten wieder in Menschen zurückverwandeln werde. Das geschieht auch. Die Göttin lädt nun die ganze Mannschaft ein, hier zu überwintern, und lebt mit Odysseus in Liebe zusammen. Dabei vergisst der Held erstmals seine Heimat und seine Frau.

Auch hier lässt sich wohl ein Wahrheitskern aus der alten Sage herausschälen. Nur wenige Kilometer von Cap Circeo entfernt befand sich einst eines der ältesten Heiligtümer Italiens: der Tempel der Göttin der wilden Tiere und des Waldes, Feronia („feri = „wilde Tiere“). Sie war eine vorrömische Naturgöttin. Zu ihrem Heiligtum gehörte darum sicher ein Gehege heiliger Tiere. Wie damals gibt es noch heute hier viele Wildschweine und neuerdings sogar einen Wildpark. (Und außerdem wissen wir doch: „Männer sind Schweine. Sie wollen immer nur das Eine.“) Und die hehre Göttin Kirke selbst? Odysseus begegnete natürlich einer Priesterin in deren Diensten. Er aber wird ihr wenig Respekt entgegengebracht haben. Ein Mann wie er ließ sich nicht, wie seine Gefährten, unterjochen. Verstandesmensch und ithyphallisch, wie er war, hatte er keine Lust, sich einer Frau zu unterwerfen, erst Recht nicht im Namen einer mutterrechtlichen Göttin. Er zog das Schwert ... (Sigmund Freud weiß, was das bedeuten mag.)

Nachdem die Schiffsmannschaft vom Herbst bis zum nächsten Sommer ein Jahr bei der Göttin der wilden Tiere (und – wichtig für die Mannschaft! – bei ihren Dienerinnen!) in Wohlleben verbracht hat, müssen erstmals die Gefährten den Odysseus bedrängen, doch endlich heim zu segeln. Sie befinden sich hier ja in einem wildfremden Land und in völlig unbekannten Gewässern.


Das 7. Abenteuer: Am Ende der Welt – im Hades

Nun verkündet die Göttin Kirke ihnen: Statt direkt nach Haus zu gelangen, müssten sie zuerst ans Ende der Welt zum Eingang der Unterwelt: zum Hades fahren und in einer Totenopfer-Zeremonie den verstorbenen blinden Seher Teiresias sowie andere tote Helden nach dem Heimweg befragen. Dann schenkt die Göttin den Abfahrenden, die viele Tränen vergießen, den einzig richtigen Wind, den sie brauchen, um von der Westküste Mittel-Italiens nach der Straße von Gibraltar zu gelangen. Es ist der bekannte Wind Tramontana. Er treibt die Segelnden zur Durchfahrt südlich von Sardinien.

Und weiter geht es westwärts zu den berüchtigten Säulen des Herakles. Sie stellen das Ende der damals bekannten Welt dar und werden gebildet durch den Felsen von Gibraltar (Calpe) auf der europäischen Seite und den Dschebel Mousa (Abyla) an der afrikanischen Küste. Dahinter begann der Weltstrom Okeanós, der die Erdscheibe umströmt. Für Seeleute, die im Mittelmeer aufgewachsen waren, musste der Atlantik mit seinen gewaltigen Gezeiten und Strömungen etwas Erschreckendes haben.

Ob der wirkliche Odysseus freilich so weit kam, ist höchst fraglich. Homer jedenfalls, der sonst so genau ist, gibt auffälligerweise keine nautischen Informationen mehr, bis das Schiff wiederum zu Kirkes Insel zurückkehrt. Zur Zeit Homers waren ja noch keine Griechen ins westliche Mittelmeer vorgedrungen. Hier, so glaubt noch im 5. Jh. Euripides, sei das Ende der Welt. Denn hier beginnt das Reich des Okeanós (der immerhin Kirkes Großvater war) sowie der Ort, wo die Sonne (das war Kirkes Vater) nachts im unbekannten Westen versinkt. Dieser schaurige Teil der „Odyssee“ dürfte einst eine eigene Sage gewesen und hier eingefügt worden sein.

Odysseus ist also auf der Rückfahrt wieder auf der Insel der Kirke gelandet. Sie gibt ihm nun Segelanweisungen für die Heimreise und Ratschläge für das Verhalten z.B. beim Vorüberfahren an den Sirenen und beim Durchfahren der Straße von Messina, die von den Ungeheuern Skylla und Charybdis gefährdet wird.


Das 8. Abenteuer: Der Gesang der Sirenen

Auf südlichem Kurs streift Odysseus nach 80 Seemeilen die Inseln der Sirenen. Es sind, wie auch andere neben Bradford meinen, die 5 winzigen Galli-Inseln vor dem Golf von Salerno, nicht weit von Capri. Auf Anraten der Göttin Kirke verstopft Odysseus seinen bei Flaute rudernden Gefährten die Ohren mit Wachs. Dann lässt er sich, aufrecht stehend, an Händen und Füßen am Mast festbinden, denn er will – neugierig, wie er nun einmal ist – unbedingt den einschmeichelnden, aber tödlichen Gesang der Sirenen selbst hören.

Wer hier allerdings verführerische junge Frauen erwartet, muss enttäuscht werden. Die Sirenen sind keine nackten Nymphen, keine blonde Loreley, die nach ihrem Vorbild von Brentano (nicht von Heine) erfunden wurde und die sich verführerisch ihr goldenes Haar kämmt. Homer beschreibt die Sirenen nicht selbst, aber in den frühesten Darstellungen erscheinen sie als Vögel mit Frauenköpfen. Im Altertum wurden sie häufig auf Sarkophagen und Grabstelen dargestellt: Sie waren Seelenvögel.

Unerwartet ist auch, was sie verführerisch versprechen. Es ist kein sexueller Lustgewinn oder Reichtum, sondern – so sagt Homer – Wissen von allem, was geschieht „auf der an Nahrung reichen Erde“ (12,191). Sie verheißen also dem, der sie hört, die verbotene Frucht vom Baum der Erkenntnis wie in der biblischen Mythologie vom Paradies. Wer aber davon kostet, der ist des Todes.

Als das Schiff des Odysseus vorüber rudert, erklingen die hellen Stimmen der Sirenen: „Komm, gepriesener Odysseus, du großer Ruhm der Achaier, Lege dein Schiff hier an, um unsere Stimme zu hören; Denn hier fuhr noch keiner im schwarzen Schiffe vorüber, Eh er die honigtönende Stimme aus unseren Mündern Hörte; er kehrt dann heim, erfreut und reicher an Wissen; Denn wir wissen dir alles, wie viel in Troja, dem weiten, Die Argeier und Troer mit Willen der Götter gelitten, Wissen, was immer geschieht auf der viel ernährenden Erde.“ (12,184 ff.)

Die 2 Sirenen sitzen und singen auf einer blühenden Wiese, umgeben von Haufen vermodernder Männer und bleicher Gebeine. Odysseus wusste von Kirke: „Wer immer diese Stimmen hört, der kehrt nie wieder zu Weib und Kind zurück.“ Und trotzdem zerrt er, von unstillbarer Sehnsucht gepackt, an seinen Fesseln. Aber seine Männer binden ihn, wie verabredet, noch fester und rudern noch schneller, bis alles glücklich vorüber ist.

Zweifellos sind die Sirenen Märchenfiguren, keine realen Gestalten – aber es können sich doch wohl reale Erlebnisse und Erfahrungen in ihnen verkörpert haben. Der Mittelmeer-erfahrene Segler Bradford schreibt: „Es herrschte Windstille, berichtet uns Homer, als Odysseus sich diesen Inseln näherte. Das Segel hing schlaff herab [...]. Windstille war immer ein Zeichen, dass sich die Sirenen in der Nähe befanden; sie liebten die heißen Stunden der Siesta und die Sommernächte, in denen kein Lüftchen weht. [...] In diesen heißen, schwülen Stunden, wo der Sommer dem Herbst entgegenglutet, gelangte Odysseus in den Golf von Salerno.“ (B 150 ff.)

Bradford berichtet, dass er sogar selbst einmal das Singen der Sirenen gehört habe. Als er im 2. Weltkrieg als Offizier auf einem britischen Geleitzerstörer diente und die Einfahrt zum Golf von Salerno zu sichern hatte, wo die Galli-Inseln liegen, hatte er in einer windstillen Sommernacht gerade Nachtwache auf Deck. Er erzählt: „Musik drang über die Wasserfläche her. Dann hörte ich etwas, das wie Singstimmen klang. Genau beschreiben kann ich es nicht, aber es war leise, gewissermaßen ein naturhaftes Singen, wie das von Wind und Wellen. Und doch war es keines von beiden; es hatte nämlich etwas Menschliches, etwas Gefühlsträchtiges, das einem zusetzte. [...] Zuerst war es „seelenlos“. [...] Dann allmählich wurde es menschlicher. Irgendwie wusste ich, dass es eine Frauenstimme war [...].“ (B 156 f.)

Als Bradford nach dem Krieg im eigenen Schiff hier wieder vorbeisegelte, hörte er das Singen der Sirenen nicht mehr. „Der Grund ist vielleicht der, dass ich meine Frau bei mir hatte.“ (B 159)


Das 9. Abenteuer: Vorbei an der Insel des Feuer speienden Vulkans

Die Fahrt, die Irrfahrt, die doch eine Heimfahrt sein sollte, geht weiter nach Süden. Odysseus sichtet nun die Plankten, d.h. „die Felsen des Scheiterns“ (auch „Irrende Klippen“ genannt). Sie sind sein nächster Wegweiser auf dem Meer, und der ist selbst sehr gefährlich. Kirke warnte: „Noch kein Schiff der Männer entrann da, welches auch herkam, / Sondern die Wogen der See und Stürme vernichtenden Feuers / Tragen zugleich Schiffsplanken herum und Leichen von Männern.“ (12,66) Wo aber finden sich im Mittelmeer diese „Stürme vernichtenden Feuers“? 112 Seemeilen von den Sirenen-Inseln im Golf von Salerno entfernt liegt die Vulkan-Insel Stromboli, im Norden der anderen Liparischen Inseln. Der heute noch tätige Vulkan, an dem Odysseus hier vorbeifährt, stellt ein natürliches Leuchtfeuer dar, nach dem man sich einst orientieren konnte. Und er ist schrecklich. Ein Vulkanologe beschreibt seine Aktivität: „Die Dampfausbrüche, begleitet von einem Getöse wie von einem Hochofen oder wie von einer Lokomotive, die Dampf ablässt, finden in unregelmäßigen Abständen statt.“ (B 164) Odysseus selbst berichtet, er sah „einen Rauch und eine große Brandungswelle und hörte ein Dröhnen“ (12,201). Entgeistert lassen die Seefahrer die Riemen los. Odysseus geht durchs Boot, macht seinen Leuten Mut und gibt seinem Steuermann die Anweisung: „Dränge das Schiff heraus von hier aus Gischt und Gewoge, / Halt auf den Felsen zu, damit es nicht unversehens / Dir nach dort enteilt; sonst stürzt du uns alle ins Unglück.“ (12,219) Bradford erläutert: „Das ist zweifellos der Ort, wo selbst Vögel ihres Lebens nicht sicher waren, wo Feuerstürme ein Schiff zerstörten und wo die Leute des Odysseus vor dem Getöse erschraken.“ (B 164)


Das 10. Abenteuer: Zwischen Skylla und Charybdis

Odysseus ist also mit seinem Schiff glücklich am hochaktiven Vulkan Stromboli vorbeigeschippert, weiter nach Süden, 40 Seemeilen bis zur Straße von Messina. Im ganzen Altertum war man sich einig, dass es hier gewesen sein muss, wo die beiden See-Ungeheuer Skylla und Charybdis hausten, zwischen denen Odysseus hier hindurch musste.

Er berichtet: „So fuhren wir in die [Meer]Enge, wehklagend: hier Skylla, drüben aber schlürfte die göttliche Charybdis furchtbar das salzige Wasser des Meeres ein. Wahrhaftig, und wenn sie es ausspie, so brodelte sie ganz auf wie ein Kessel auf vielem Feuer, herumstrudelnd, und hoch auf flog der Schaum bis auf die Spitzen der beiden Klippen. Doch wenn sie das salzige Wasser des Meeres wieder verschluckte, so wurde sie, herumstrudelnd, bis ganz nach innen hinein sichtbar, und ringsher brüllte fürchterlich der Fels, und unten wurde die Erde sichtbar, schwarz von Sand. [...] Wir blickten auf sie hin, in Furcht vor dem Verderben. Unterdessen holte sich mir Skylla aus dem hohlen Schiffe sechs Gefährten [...]. Und als ich auf das schnelle Schiff und zugleich nach den Gefährten blickte, sah ich von ihnen schon die Füße und die Hände darüber, wie sie in die Höhe schwebten. Und sie erhoben ihre Stimme und riefen mich und nannten mich beim Namen, damals zum letzten Mal. [...] Das war das Jammervollste, das ich mit den Augen gesehen habe unter allem, soviel ich ausgestanden, während ich nach Durchfahrten auf der Salzflut forschte.“ (12,234 ff.)

Diese beiden Meer-Ungeheuer, Skylla und Charybdis, sind seit jeher berühmt-berüchtigt. Doch kann es sie in Wirklichkeit gegeben haben? Ja, „die wasserstrudelnde Göttin“, die schlürfende Charybdis (ein lautmalender Name!), gibt es tatsächlich noch heute! An der Engstelle zwischen der Stiefelspitze Italiens und der Insel Sizilien – sie ist hier nur 3 km breit – strömt das wärmere Tyrrhenische Meer in das kältere und salzhaltigere Ionische Meer. Als gefährlich galt einst die Meerenge wegen dieser Gezeiten; denn hier machen sie sich ausnahmsweise auch im Mittelmeer bemerkbar. „Für die Seefahrer der Frühzeit, die mit Ebbe und Flut, wie sie außerhalb des Mittelmeers bestehen, nicht vertraut waren, müssen die in der Straße von Messina auftretenden Erscheinungen beängstigend, ja erschreckend gewesen sein“, erklärt Bradford. (B 169) Zweifellos war dieses Gewässer mit seinen starken Strudeln einst noch wesentlich gefährlicher als heute, da sich der Meeresgrund durch Erdbeben inzwischen sehr verändert hat. Immerhin berichtet 1824 ein britischer Admiral: Die alte Charybdis bildet immer noch „für kleinere Fahrzeuge eine Gefahr, und ich habe mehrere Kriegsschiffe, sogar ein mit 74 Kanonen bestücktes Schiff gesehen, die von ihr herumgewirbelt wurden.“ (B 176)

Auf der Festlandseite gibt es an der Küste ein Dorf, das tatsächlich noch heute den Namen Scilla trägt. Und genau an dieser Stelle macht sich immer noch der Gezeitenstrom am stärksten bemerkbar. „Eine Stromversetzung von 4 Knoten ist etwas, wogegen kein homerisches Boot etwas hätte ausrichten können, selbst wenn diese Gewässer nicht noch andere Gefahren für den ahnungslosen Seemann bereit gehalten hätten.“ (B 170)

Das Ungeheuer Skylla soll hoch über der Engstelle in einer bauchigen Höhle gehaust haben: Der Körper steckte zur Hälfte im Felsen, ihre 6 überlangen Hälse mit den gräulichen Köpfen ragten heraus und „spähten umher von der Klippe, um Fische zu fangen“ (12,95) oder gar Seeleute aus vorbeifahrenden Schiffen herauszureißen. Sie bellte oder winselte „wie junge Hunde“. Daher wurde sie im Altertum meist mit Hundeköpfen abgebildet. Wie kam es dazu? Ihr Felsen weist, wie man heute noch sehen kann, breite Spalten und tiefe Höhlen auf, in denen Wind und Wellen ein grässliches Jaulen erzeugen können.

Gehört das nicht alles ins Reich der Fabel? Kann an diesem Untier etwas Wahres dran sein? Bradford weiß: „Wenn die Tiefseeströmungen auf die Untiefen bei Messina stoßen, werden sie nach oben abgelenkt und schleppen dabei eine Menge Lebewesen aus der Tiefe mit sich empor. Deshalb wimmelt es bei Messina zu gewissen Zeiten an der Oberfläche von Geschöpfen, die gewöhnlich in der Tiefe wohnen. [...] Die meisten Tiefseelebewesen sind solche, wie man sie sonst nirgends im Mittelmeer, überhaupt nirgends auf der Welt sieht, es sei denn, man verwende ein Tiefseenetz. Ich glaube deshalb, es ist nicht abwegig, in der scheußlichen Skylla eine Anspielung auf die außerordentlichen „Seegräuel“ zu sehen, die in diesen Gewässern vorkommen. [...] Es wimmelt von Tintenfischen, Kraken und Quallen. In den zwölf Füßen und sechs Hälsen der Skylla darf man wohl eine Anspielung auf Kraken und Tintenfische erkennen.“ (B 173) Selbst der kleinste Tintenfisch, fügt Bradford hinzu, „hat etwas Beängstigendes, und seine Art, sich über die Wasserfläche zu schnellen, kann sehr verblüffend wirken. [...] Ihr plötzliches Auftauchen hat etwas Teuflisches, und ihr Aussehen ist so unmöglich, dass es einem wohl einen Schrecken einjagen kann.“ (B 172 f.) Alle Tintenfische sind zudem fleischfressende Raubtiere. Wie Homer es von Skylla sagt, fischen sie sich tatsächlich ihre Nahrung mit ihren Fangarmen.

Neuerdings wissen wir mehr. Am 30.9.2005 lesen wir im Tagesspiegel die Schlagzeile: „Seeungeheuer gibt es wirklich.“ Nachdem schon lange riesige Fangarme von Tintenfischen geborgen worden waren, filmten neuerdings japanische Meeresforscher erstmals lebend einen 8 m langen Riesentintenfisch mit seinen 10 saugenden Fang-Tentakeln, deren Enden verdickt sind wie Köpfe. Und so beschreibt sie auch Homer. Das größte Exemplar dieser wirbellosen Tiere, das jemals vermessen wurde, maß sogar 20 m und war knapp 1 Tonne schwer. Daher resümiert der Tagesspiegel zu Recht: „Die alten Berichte der Seefahrer über solche Seeungeheuer sind also wahr.“


Das 11. Abenteuer: Die heiligen Rinder des Sonnengottes

Mit einem Verlust von 6 Mann entkommt Odysseus also den Gefahren der Straße von Messina. Er hält an der Ostküste Siziliens entlang, einer Insel, die weder er noch der Dichter in Zusammenhang bringt mit der Gegend, wo er zuvor – an der Westküste Siziliens bei Trapani – zu den Kyklopen geraten war. Odysseus erzählt: Auf des Sonnengottes herrlicher Insel „waren da schöne breitstirnige Rinder und die vielen fetten Schafe des Sohnes der Höhe, Helios“. (12,261) Odysseus erinnert sich indessen, dass ihm vom Seher Teiresias und der Göttin Kirke besonders eingeschärft worden war, sich vor der Insel des Sonnengottes zu hüten. Daher verbietet er zu landen. Doch seine Leute, eben dem Tod entronnen, wollen an Land, um zu essen und auszuruhen. Odysseus willigt höchst ungern ein, nimmt ihnen dann aber den Schwur ab, dass sie keines der heiligen Rinder des Sonnengottes antasten würden. Bei Taormina finden sie einen guten Ankerplatz mit Sandstrand und Süßwasser. Im alten griechischen Namen Tauromenion steckt das Wort „Tauros“ = Stier. Und hier war schon immer Weideland. Ein Bergtal heißt hier sogar „Val del Bove“, das Tal des Ochsens. Sind das nicht Erinnerungen an die Rinder des Sonnengottes?

Die Irrfahrer kommen nicht weiter. Der Südwind stürmt nun schon den ganzen Monat durch, es gibt also Schirokkowetter, das hier im Herbst vorwiegend herrscht. Sie brauchten aber, um nach Griechenland zu kommen, Westwind. Bei Taormina haben die etwa 40 Mann einen ganzen Monat lang unter dem bekanntlich demoralisierend wirkenden Schirokko zu leiden, und die Vorräte sind schließlich verbraucht. Da schlachten sie, während Odysseus gerade schläft, die besten der heiligen Rinder. Weil deren Zahl der der Tage im Jahr entspricht, haben sie damit ihre eigenen Tage verkürzt, genau so sicher, als hätten sie Selbstmord begangen. Ein Tabu war gebrochen! Wohl weil sie den Sonnengott beleidigt haben, beschließen sie, ausgerechnet jetzt bei beginnendem Winter, also in der gefährlichsten Zeit des Jahres, unter Segel zu gehen, um doch endlich heim zu kommen. Sie halten also nach Osten auf die hohe See hinaus, „wo rings nur Luft und Wasser zu schauen war“. Der schwer beleidigte „Wolkensammler“ Zeus aber schickt ihnen einen Sturm von Achtern, sein Blitz zerschmettert den Mastbaum, und der schlägt dem Steuermann den Schädel ein. Ohne Mast und Steuermann dreht sich das Schiff längsseits zur anrollenden See und bricht auseinander. Homer klagt höchst anschaulich: Wie Möwen trieben die Gefährten auf den Wogen und ertranken. So ist der Tabubruch, der Gottesfrevel, gesühnt. Allein Odysseus gelingt es, die tragkräftigsten Hölzer, wohl Mast und Kiel, zu einem notdürftigen Floß aneinander zu laschen. Da passiert es: Jetzt treibt ihn ein Südwind wieder in die gefürchtete Meerenge hinein, zurück zum Felsen der Skylla. Hier aber ragt über der Charybdis, dem Strudel des Todes, ein Feigenbaum. An dem krallt er sich fest „wie eine Fledermaus“ und entgeht so dem dunklen Rachen der Charybdis, die gerade beim Einschlürfen ist. Beim Hervorstrudeln der Wassermassen springt er wieder auf sein Behelfsfloß. Nun kentert plötzlich die Strömung und treibt den Schiffbrüchigen allein und hilflos, festgekrallt auf den Bootstrümmern, aufs offene Meer hinaus, nach Süden, ins unheimlich Ungewisse.


Das 12. Abenteuer: Odysseus bei der Göttin Kalypso

Odysseus, so heißt es, lässt sich hilflos 9 Tage und Nächte auf dem Meer treiben. Konnte ein Mensch das überleben? In den letzten zwei Weltkriegen hat sich, weiß Bradfort, erwiesen, dass Schiffbrüchige sich tatsächlich unter den furchtbarsten Bedingungen unglaublich lange am Leben erhalten konnten. Nur Trinkwasser ist lebensnotwendig. Man muss deshalb annehmen, dass Odysseus einige Wasserschläuche und etwas Mundvorrat an seinem Rettungsfloß festgezurrt hatte, ehe das Schiff unter ihm wegsackte.

An der Ostküste Siziliens herrscht eine ausgeprägte Strömung nach Süden, stellt das Segelhandbuch fest. Südlich von Sizilien gibt es bis zur nordafrikanischen Küste nichts als die blaue Weite des Meeres – bis auf die kleine Insel Lampedusa und das ganz isoliert liegende Malta, das 50 Seemeilen südlich von Sizilien liegt und nach Bradfords Berechnungen Homers Insel Ogygia sein muss, von der er ja sagt, dass sie da liege, „wo der Nabel des Meeres ist“. Und in der Tat liegt Malta wie ein Nabel in der Mitte des Mittelmeers: fast gleich weit entfernt von Gibraltar im Westen und Zypern im Osten, also im Mittelpunkt der Seewege. Die ersten Seefahrer waren hier die Phönizier. Sie nannten die heutige Insel Malta einst „Malet“, was „Hafen“ oder „Versteck“ heißt. Die Herrin der Insel, die den schiffbrüchigen Odysseus rettet, heißt Kalypso, und das kommt wiederum von griechisch „kalyptein“ = „verstecken“. Homers „nesos Kalypsous“ ist also nur die Übersetzung des phönizischen „Malet“ ins Griechische: „die Insel des Verstecks“ oder des „versteckten Hafens“. Kalypso ist also die Göttin der Grotte auf der Insel „Malet“, dem „Schutzhafen“, wo der Seefahrer geborgen ist.

Auf Malta gab es – wie auch sonst im ganzen Mittelmeer-Gebiet – einen Kult der magna mater, der Muttergöttin, hier ebenso wie bei der göttlichen Zauberin Kirke in Mittel-Italien. Homer hat also offenbar von einer versteckt liegenden Insel gehört, über die eine Göttin oder Priesterin herrschte.

Ihre große Grotte wird als „locus amoenus“ = als „lieblicher Ort“ von Homer dergestalt geschildert, dass sie als poetischer Topos zum Vorbild für zahllose „liebliche Orte“ in der Weltliteratur wurde:

„Und ein Wald wuchs um die Höhle, kräftig sprossend: Erle und Pappel und auch die wohlduftende Zypresse. Da nisteten flügelstreckende Vögel: Eulen und Habichte und langzüngige Krähen, Wasservögel, die auf die Erträgnisse des Meeres aus sind. Und daselbst um die gewölbte Höhle streckte sich ein Weinstock, jugendkräftig, und strotzte von Trauben. Und Quellen flossen, vier in der Reihe, mit hellem Wasser, nah beieinander, und wandten sich, die eine hier-, die andere dorthin. Und ringsher sprossten kräftig weiche Wiesen und Veilchen und Efeu. Da mochte alsdann auch ein Unsterblicher, der daherkam, staunen, wenn er es sah, und sich ergötzen in seinen Sinnen.“ (5,63-74)

Hier lebt Odysseus 7 lange Jahre bei der flechtenschönen Göttin Kalypso, die ihn liebevoll pflegt und zum Manne begehrt. Er aber verweigert sich (anders als zuvor bei der göttlichen Zauberin Kirke, die er ein Jahr lang liebte, ohne an Weib und Kind zu denken). Trotzdem soll Odysseus mit Kalypso 2 oder 3 kleine Halbgriechen gezeugt haben ... Meist aber hockt der hier festsitzende Seefahrer weinend am Strand und blickt sehnsüchtig über das weite Meer in Richtung Ithaka, seiner fernen Heimat.

Währenddessen findet auf dem Olymp wieder einmal eine Götterversammlung statt. Da klagt Athene, die kluge Göttin, die dem Odysseus schon so oft zur Seite gestanden hat, über dessen trauriges Los. Nun endlich erbarmt sich Zeus und sendet den Götterboten Hermes zu Kalypso hinab mit dem Auftrag, den Helden frei zu geben.

Die göttliche Nymphe gehorcht dem Befehl des höchsten Gottes. Nach ihren genauen fachlichen Anweisungen fällt nun Odysseus Bäume und baut ein großes Floß mit Segel und Steuerruder. Zum guten Schluss schenkt ihm die Göttin Proviant sowie einen günstigen Wind.


Das 13. Abenteuer: Zur Insel der gastfreundlichen Phaiaken

Ausgerichtet nach den Gestirnen, die Kalypso ihm genannt hat, durchquert Odysseus auf seinem Floß das Ionische Meer 17 Tage und Nächte lang Richtung Osten. Endlich erreicht er die Westküste einer Insel, die bei Homer Scheria heißt und die nach allgemeiner Überzeugung Korfu ist. Hier entdeckt ihn der Meergott Poseidon und versucht ein letztes Mal, ihn zu vernichten, und zwar durch die hier häufigen höchst gefährlichen Fallböen und Sturzseen. Homer erzählt vom Wüten Poseidons:

„Er führte Wolken zusammen und wühlte das Meer auf, mit den Händen den Dreizack fassend, und erregte alle Wirbel von vielfachen Winden und verhüllte mit Wolken Land zugleich und Meer, und herein vom Himmel brach Nacht. Und zusammen fielen der Ost und der Süd und der West, der schlimmwehende, und der Nord, der aus hellem Himmel geborene, und wälzte eine große Flut auf. Da lösten sich dem Odysseus die Knie und das liebe Herz [...]. Es schlug eine große Woge von oben auf ihn herein, eine furchtbare, anstürmende, und wirbelte das Floß herum. Und weit weg fiel er selber von dem Floße und ließ das Ruder aus den Händen fahren. Und mittendurch brach ihm den Mastbaum der furchtbare daherkommende Wirbel der sich mischenden Winde, und weit weg fielen Segel und Rahe in das Meer. Ihn hielt es lange Zeit untergetaucht, und er vermochte nicht gar schnell wieder emporzukommen unter dem Druck der großen Woge. [...] Doch auch so vergaß er nicht des Floßes, so erschöpft er war, sondern ihm nachstrebend in den Wogen ergriff er es und setzte sich mitten auf ihm nieder und entging dem Ziel des Todes.“ (5,291-326)

So reitet Odysseus nackt, festgekrallt auf dem zertrümmerten Floß, auf die Küste zu, wird aber immer wieder weggetrieben: 2 Tage und Nächte lang. Hier gibt es nur Klippen und glatte Felsen der Steilküste, an der die Brandung brüllend hochschäumt. Doch endlich erreicht er, seitwärts schwimmend, die Mündung eines Flusses, in die er sich retten kann, indem er den Flussgott um Hilfe anfleht. Dankbar küsst er das Festland unter seinen Füßen. Um die kalte Nacht, nackt und zerschunden wie er ist, sowie gefährliche wilde Tiere zu überstehen, verkriecht er sich unter einem dichten Olivenbaum und schläft, zu Tode erschöpft, ein.

Die Flussmündung auf Korfu ist leicht zu lokalisieren: Es gibt nur eine. An der Westküste fließt der Ermónes, der heute eher ein Bach ist. Die Bucht ist jetzt ein beliebter Badestrand für griechische Ausflügler. Die Wasserbecken, in die sich der kleine Fluss ergießt, sind früher von Frauen als gut geeignet für die große Wäsche benutzt worden.

Odysseus erwacht in seinem Versteck durch das Lachen von Mädchen. Sie haben die gewaschene Wäsche zum Trocknen ausgelegt und danach selbst gebadet und sich eingeölt. Nun spielen sie Ball. Vom Meersalz ganz verkrustet, taucht nun plötzlich Odysseus auf, nackt, sich einen Olivenzweig vor die Scham haltend. Erschrocken stieben die Mädchen davon. Nur eine, die schöne Nausikaa, bleibt mutig stehen. Odysseus spricht sie zögernd an: „Bist du eine Göttin oder eine Sterbliche? Gib mir bitte ein Tuch, damit ich meine Blöße bedecken kann, und weise mir den Weg zu einer Siedlung von Menschen!“ Sie antwortet: Er sei hier im Land der Phaiaken, und sie sei die Tochter des großherzigen Königs Alkinoos. Die Mädchen lassen ihn nun im Fluss sich das Meersalz abwaschen, und er wird sogleich von der Göttin Athene so groß und schön gemacht wie ein Unsterblicher, so dass sich die Königstochter Nausikaa in ihn verliebt und ihn sogar zum Gatten haben möchte. Dann laden die Mädchen die getrocknete Wäsche auf den Maultier-Wagen, und Nausikaa bittet den schönen fremden Mann, mit gebührendem Abstand hinterher zu gehen auf dem Wege zur Königsstadt am Hafen.

Odysseus steht wie geblendet vor dem überaus prächtigen Palast des Phaiaken-Königs Alkinoos. Der Schiffbrüchige kniet vor der Königin Arete nieder und fleht: „Mögen die Götter dir und deinem Gatten Heil verleihen, aber mir, der ich lange in der Fremde umher irrte, verschafft ein Geleit zur Heimfahrt!“ Der gastfreundliche König lädt für den nächsten Tag zu einem großen Fest ein und verspricht dem „Xénos“ – das Wort bedeutet im Griechischen zugleich „Fremder“ und „Gast“! – Hilfe zur Heimfahrt.

Beim Fest erscheint ein blinder Sänger namens Demódokos, der Geschichten vom Kampf um Troja singt. Diesen Abschnitt der „Odyssee“ habe ich anfangs ausführlich zitiert, weil er als Selbstportrait Homers gilt. – Als der fremde Gast, der sich ja noch nicht vorgestellt hat, seinen eigenen Namen und die Namen seiner Mitkämpfer hört, zieht er sein Gewand über das Gesicht und wischt sich heimlich die Tränen ab. Nur der neben ihm sitzende König bemerkt sein Schluchzen.

Am nächsten Tag finden sportliche Wettkämpfe statt. Odysseus wird von den jungen Männern provoziert und erweist sich dann doch als der Beste im Diskus- und Speer-Werfen sowie im Bogenschießen. Dann tanzen die jungen Männer zu einem lustigen Lied des blinden Sängers. Am Abend bittet Odysseus den Sänger, die Geschichte vom hölzernen Pferd von Troja vorzutragen. Als er aber wieder heimlich weinen muss, bittet der König den Fremdling, seinen Namen zu nennen. „Ich bin Odysseus, des Laertes Sohn, der ich mit meinen vielfältigen Listen die Menschen beschäftige, und es reicht die Kunde von mir bis zum Himmel“ (9,18), sagt er stolz. „Meine Heimat ist die Insel Ithaka.“

Der König bittet nun Odysseus, von seinen Irrfahrten selbst zu berichten. Und so hören alle, Abend für Abend, die Abenteuer auf dem Mittelmeer in der Rückschau, von Odysseus selber erzählt.

Bald lässt der großherzige König Alkinoos ein Schiff, beladen mit den kostbarsten Gastgeschenken, für die Heimfahrt des Mannes ausrüsten, der vom Befehlshaber eines Geschwaders von 12 Schiffen mit ca. 500 Mann, die er alle verloren hat, zu einem zerschundenen Schiffbrüchigen heruntergekommen war und jetzt ein hochwillkommener Gast ist. Zum ersten Mal in seinem Leben ist er Passagier. Er besteigt das äußerst schnelle große Schiff der Phaiaken und fällt sogleich in einen tiefen, todesähnlichen Schlaf.

Die Entfernung von Korfu nach Ithaka beträgt nur etwa 70 Seemeilen. Eine große Galeere konnte die Strecke ohne Weiteres in einer Nacht bewältigen, wie erzählt wird. Die Phaiaken legen den tief schlafenden Odysseus in einer Bucht am Ostufer der kleinen Insel Ithaka auf den Sand am Strand. Endlich, nach 20 langen Jahren, ist der listenreiche Kämpfer und vielduldende Irrfahrer schlafend angekommen: in der ersehnten Heimat.


Das 14. Abenteuer: In Ithaka. Der Sieg über die Freier

Als Odysseus aufwacht, steht seine geliebte Göttin Athene vor ihm. Er erfährt von ihr, dass seine Gattin Penelopeia von vielen am Königshof prassenden Freiern umworben wird, von denen jeder die Nachfolge als König von Ithaka antreten will. Bisher gelang es Penelopeia, sich ihnen mit List zu entziehen. Damit der Heimkehrer nicht von den jungen Freiern gleich bei seiner Ankunft erschlagen werde, verwandelt ihn Athene vorsichtshalber in einen harmlosen alten Bettler. Inzwischen war sein Sohn Telemachos von seiner Suche nach dem verschollenen Vater zurückgekehrt, und mit Hilfe Athenes erkennt er weinend vor Glück den Heimgekehrten. Der verkleidete Hausherr kommt nun in seinen Palast und wird von niemandem erkannt, nur von seinem alt gewordenen treuen Hund, der beim Wiedersehen vor Freude stirbt.

Mit Telemachos bereitet Odysseus den großen Kampf mit den Freiern vor, indem sie zuerst alle Waffen der Freier beiseite schaffen und die Ausgänge verschließen. Um endlich eine Entscheidung herbeizuführen, fordert Penelopeia, die davon nichts weiß, die Freier zu einem Wettkampf auf: Wer den gewaltigen Bogen des Odysseus durch das Ring-Ende von 12 Äxten hindurchschießt, dessen Werbung werde sie annehmen. Doch keinem einzigen gelingt es. Da aber nimmt der „Bettler“ Odysseus selbst seinen riesigen Bogen und schießt erfolgreich. Jetzt ist der Augenblick gekommen: Er wirft seine Lumpen ab und schießt einen Pfeil in den Hals des frechsten der Freier. Alle schreien auf! Odysseus und Telemachos aber schießen mit Pfeilen und werfen mit Speeren alle nieder. Die Gefallenen liegen wie im Netz gefangene Fische blutbesudelt übereinander.

Als dann Penelopeia dem Heimgekehrten gegenübersitzt, scheint sie an seiner Identität zu zweifeln und prüft ihn mit einer der Gattin des Odysseus würdigen List. Sie befiehlt der Dienerin, für den Fremden das Bett hinaus zu schaffen. Da aber ruft Odysseus erregt: „Niemand kann das Ehebett bewegen, denn ich selbst schnitzte es einst aus einem hier wurzelnden Ölbaum und errichtete das Schlafgemach darum herum!“ Da erzittern Penelopeia Herz und Knie, denn von diesem Symbol der Unverrückbarkeit ihrer ehelichen Treue wusste nur ihr Gatte. Nach 20 Jahren besteigen nun beide ihr Ehebett. Nachdem sie sich geliebt haben, reden sie über das Erlebte die ganze Nacht.


EPILOG
Dante: Die letzte Ausfahrt


Odysseus wurde im kollektiven Bewusstsein zum Urbild des Weltenwanderers und des menschlichen Forschungstriebes. Wie manche andere glaubt Bradford nicht, dass der heimgekehrte Odysseus zufrieden war. „Eines Nachts schoben sie das schwarze Schiff ins Wasser hinunter und warfen die Ankertrosse los vom durchlöcherten Steine. Sie richteten die Augen des Schiffs nach Westen, setzten sich der Reihe nach hin und schlugen das graue Meerwasser.“ (B 246)

Es ist Dante, der Odysseus später im Inferno begegnet und ihn sprechen hört: „Nicht Liebe zu dem Sohn und nicht Verehrung / des alten Vaters, nicht die Gattenliebe, / an der Penelope sich freuen sollte, / vermochten mir den heißen Drang zu löschen, / der mich die Erde zu erforschen trieb, / der Menschen Sünden und der Menschen Wert.“ (26,94 ff.)

Auf großer Fahrt kommt der alt gewordene Odysseus bis zu den gefährlichen Säulen des Herakles und fährt – was verboten ist – hinter Gibraltar auf den Atlantischen Ozean hinaus, an der Westküste Afrikas entlang. Der Geist des Odysseus in der Unterwelt erzählt weiter: „Wir freuten uns, doch sollten bald wir weinen. / Ein Wirbelsturm kam von der neuen Erde, / der schlug die vordre Spitze unsres Schiffs. / Dreimal dreht’ er’s herum mit allen Wassern, / beim vierten hob’s den hintern Teil nach oben, / den Bug nach unten – wie’s ein andrer wollte –, / und dann schlug über uns das Meer zusammen.“ (26,136 ff.)


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