Goyas Traum der Vernunft
gebiert Ungeheuer

78. Sitzung der HUMBOLDT-GESELLSCHAFT BERLIN am 16.03.99 von Stefan Nehrkorn

Das Blatt 43 aus der Serie "Caprichos"
von Francisco de Goya (1746 - 1828)

"Die Phantasie, verlassen von der Vernunft, erzeugt unmögliche Ungeheuer; vereint mit ihr ist sie die Mutter der Künste und Ursprung der Wunder." (Goyas Kommentar zum Blatt 43)

"Caprichos" bedeutet soviel wie "Launen, Einfälle". In der Kunstliteratur ist es seit dem 16. Jahrhundert gebräuchlich. Man versteht darunter den geistreichen und originellen künstlerischen Einfall, das Phantasiestück, bei dem der Künstler seinem Erfindungsreichtum ohne thematische Zwänge oder formale Konventionen freien Lauf lassen kann.
Goya wurde am 30. März 1746 in Fuentetodos (Aragon) geboren. Nach der Thronbesteigung Karls IV. von Spanien stieg er zum Hofmaler auf und war damit der bevorzugte Porträtist seiner Zeit. Am 6. Februar 1799 veröffentlichte der Künstler seine später weltberühmten "Caprichos". 14 Tage später waren die "Caprichos" indiziert. In diesen Arbeiten bricht eine neuartige Figurensprache hervor, die ganz aus der Imagination schöpft und durchaus schon "romantische" Ansätze zeigt. Insgesamt schuf Goya 80 Tafeln in den Techniken der Radierung und Aquatinta. In diesem Zyklus setzte sich der Künstler kritisch mit den Ehesitten seiner Zeit, der Erziehung, der Prostitution und dem Aberglauben auseinander. Er griff aber auch gezielt die Kirche, die Inquisition, den Adel und die Regierung an. Die Bildsprache ist teils realistisch, teils traumhaft. Drastisch charakterisierte Figuren beleuchten oft schlaglichtartig die jeweilige Pointe. Die Hauptfiguren von Goyas "Caprichos" waren allesamt "Personen des öffentlichen Interesses", wie man es wohl heute nennen würde. Einige Gestalten werden karikaturhaft entstellt. Die Fratzen gehen teilweise auf die damals viel diskutierte Veröffentlichung von Johann Kaspar Lavater (1741-1801): "Physiognomische Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe" zurück. Sowohl das spanische Volk, als auch Adel und Hof konnten die zynisch-spitzen Aussagen der Bilder gegen Ende des 18. Jahrhunderts zweifelsfrei "lesen". Goya milderte seine beißende Kritik zunächst durch beigefügte Kommentare ab, übergab dann aber doch aus Angst vor der Inquisition 1803 dem König von Spanien die gesamten Druckplatten. Goya starb am 16. April 1828 in Bordeaux.

"Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer" ist die bekannteste Radierung Francisco de Goyas. Der Originaltitel des Frontblatts der Serie "Caprichos" lautet:

"El sueño de la razón produce monstruos". Das spanische Substantiv "sueño" kann mit "Schlaf" oder "Traum" übersetzt werden. Die Verben "soñar" (= träumen) und "dormir" (= schlafen) legen dem Interpreten jedoch das Wort "Traum" nahe. Der (im Rahmen des Vortrags) vorgestellte SWR2 RadioART Essay des Politologen Wilhelm Hennis kreist um diesen ideen- und zeitgeschichtlich äußerst spannenden Umstand.

Im vom Krieg mit dem napoleonischen Frankreich zerrütteten Spanien der vorletzten Jahrhundertwende war die Frage von Brisanz, ob die "Abwesenheit" der Vernunft oder der Traum vollkommener Vernunft mehr Unheil anrichtete.

Wilhelm Hennis nimmt zur Beantwortung dieser Frage Goyas Gesamtwerk zu Hilfe: Die ironischen Brechungen in andere Werken Goyas und die Auseinandersetzung zwischen Spanien und Frankreich drängen ihm die Deutung des Blattes 43 als "Traum der Vernunft" auf. So trägt eine Vorstudie zum Blatt 43 den Titel "Ydioma universal" ("Universalsprache"). Die Universalsprache war damals ein Projekt französischer Aufklärer -z.B. Condorcets-, das sich einer einzigen, eindeutigen und unmißverständlichen Sprache widmete. Dieses "Projekt" findet sich literarisch am treffendsten in Jonathan Swifts Satire "Gullivers Reisen" (1726) karikiert (Teil 3, Kap. 2). Goya kannte Swifts Buch: es inspirierte ihn zu seiner Zeichnung "Der gefesselte Riese".
Dies ist nur eine der Linien, die Wilhelm Hennis nachzeichnet. Am Ende der Spurensuche steht die Antwort, welchen Titel das Blatt Nr. 43 von Francisco de Goya trägt, fest. Die Vernunft, die sich etwas "ausdenkt", produziert Monster: "Der Traum einer universellen, projekteschmiedenden Vernunft gebiert Ungeheuer".

Blatt 43



Google

Humboldt
WWW
Themenchronik

Der Diskurs des Unbewussten in Storms Chroniknovelle „Aquis Submersus“

Humboldts
Bildungserbe

Der Bergmann
von Falun

Homers Odyssee -
nur ein Schiffer-
märchen?

Theodor Storms
"Schimmelreiter"

Johann Gottfried Herder

Die Lebensfahrt auf dem Meer der Welt. Ein zweitausendjähriger Topos.

Anmerkungen zur Reichskrone

Amerika.

Der Sänger erzählt.
Mündliche Poesie
und Trance

Pergolesi:
"La serva padrona"

Robert Musil. Ein Mann ohne Eigenschaften?

Allgemeine Aspekte der Gruppenpsychologie

Der Golem

Terror auf dem "Zauberberg"

Richard Rorty

Der Roman
"Flächenland" (1884)

Die Schlacht von Großbeeren

Systemtheorie:
Niklas Luhmann

Ernst Jünger - Das Abenteuerliche Herz

Woody Allen - Eine Kurzcharakterisierung

Safranski: Nietzsche

Grönland

Der heilige Wald von Bomarzo - Gartenbaukunst im Manierismus

Die Sloterdijk-Debatte: S(ch)ichtung eines Skandals

Oswald Spengler:
Der Untergang des Abendlandes

Konfuzianismus

Helmholtz als Kulturträger (engl.)

Die Sphären
Peter Sloterdijks

Der Berliner Künstler Martin Gietz

Goyas "Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer"

Die christliche Zeitrechnung

Geschichte des Fußballs

Neue
Antriebstechniken für
den Individualverkehr

Die Dreyfus-Affäre

Kaspar Hauser - ein vergessener Mythos?

Die wiedertäuferischen Hutterer

Relativitätstheorie
und Philosophie

Der Döner

Die Aufklärung neu denken - nicht wegdenken

Aspekte des sakralen Königtums im alten Ägypten

Meinungsfreiheit als Stütze der demokratischen Gesellschaft

Eine Geschichte des Schachspiels

Anomie und Fundamentalismus

Kleine Geschichten zur Sexualgeschichte

Theodor Herzl

Der Reichstagsbrandprozeß

Elemente der Philosophie
Karl Poppers

Goethe
und der Basaltstreit

Soziologie des
"Ganzen Hauses"

Aspekte der Chaostheorie und der fraktalen Geometrie

Konstruktivismus:
Paul Watzlawick

Die historische Mittwochsgesellschaft

Siedlungsgeschichte Zehlendorfs


Druckversion dieser Seite