Amerika.

146. Veranstaltung der Humboldt-Gesellschaft am 04.12.2002 von Stefan Nehrkorn



Johann Wolfgang Goethe (1827)

Den Vereinigten Staaten

Amerika, du hast es besser
Als unser Kontinent, das alte,
Hast keine verfallene Schlösser
Und keine Basalte.

Dich stört nicht im Innern,
Zu lebendiger Zeit,
Unnützes Erinnern
Und vergeblicher Streit.

Benutzt die Gegenwart mit Glück!
Und wenn nun eure Kinder dichten,
Bewahre sie ein gut Geschick
Vor Ritter-, Räuber- und Gespenstergeschichten.



Nicht nur die Entstehungszeit des Gedichts läßt vermuten, daß Goethe damit die Monroe-Doktrin kommentierte, in der der damalige amerikanische Präsident die strikte politische Trennung von Neuer und Alter Welt zur Leitlinie seiner Außenpolitik machte.




Bei jedem Thema besteht die Gefahr, Teile des Publikums frühzeitig zu verlieren. Das methodische Ideal, sich über Positionen einen teilnahmslosen Überblick verschaffen zu wollen, bleibt unerreicht. Dieses "Luftschloß" ist nicht bezugsfertig.
Die "Lunte am Themenkomplex Amerika" ist sehr kurz. Die "erhebende Freude" an der schnellen Explosion erschwert genaueres Hinsehen.
Die 146. Veranstaltung war der Versuch, als tagespolitisch temporär abstinente Betrachter einer Aufzeichnung der Fernsehtalkrunde "Das philosophische Quartett" einen Blick in die Kluft zwischen Europa und Amerika zu wagen.
Die gastgebenden Philosophen Rüdiger Safranski und Peter Sloterdijk hatten am 24. März 2002 den Theaterregisseur Claus Peymann und den in Kalifornien lehrenden Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht zum Thema "Glaubenssache Amerika" zu Gast. Mit je einem (verschriftlichten) Beitrag der Quartett-Teilnehmer kann hier (medial nur unzureichend) ein kleiner Bereich des beobachtbaren Spannungsfeldes dokumentiert werden.

Claus Peymann
Etwas ist neu an der Situation in diesem Jahrhundert. Das Amerika jetzt allein übrig geblieben ist, ist ein ganz wesentlicher Unterschied. Man kann jetzt sagen, sie sind so gesund, jetzt haben sie es endlich geschafft. Man kann auch sagen, sie haben so geschickt und klug Kriege geführt, halbwegs gewonnen oder sich zurückgezogen. Der kalte Krieg ist gewonnen. Alles arrangiert sich. Sie haben sich durchgesetzt. Jetzt ist nur noch dieses riesige Ding übriggeblieben. Da kommt eine neue Funktion für die Amis und auch für uns. Wird die EU eine Gegengewalt? Vermutlich ist es völlig aussichtslos. Denn die mit ihrem Optimismus rollen ja alles nieder.

Hans Ulrich Gumbrecht
Auch in der einmaligen weltpolitischen Situation, daß es nach dem kalten Krieg nur noch eine Macht gibt, gibt es in Amerika immer zwei Positionen: zum einen "we are number one"; aber es gibt auch die Position der Monroe-Doktrin. Mein Eindruck von Diskussionen in Europa ist, was auch immer die außenpolitische Reaktion Amerikas ist, ist falsch: Wenn die USA eingreifen, schießen sie aus der Hüfte, wenn sie nicht eingreifen, werden humanitäre Potenziale nicht ausgeschöpft.

Peter Sloterdijk
Was ist der Grund für den empirischen Antiamerikanismus Europas? Es gibt in Europa nach wie vor einen Haß auf das glückliche Bewußtsein. Die ganze hegelsche Linke in Europa ist eine Linke, die aus der Liebe zum unglücklichen Bewußtsein konstituiert ist und da ist der Amerikaner sozusagen unser Gegner, nach meiner Meinung aber auch sozusagen unser Verbündeter und Therapeut.

Rüdiger Safranski
Es gibt eine tiefe Verlogenheit. Auch wir sind Teil der Globalisierung, auch unser Modell wird globalisiert. Es gibt ein Unbehagen an der Moderne, denn so wie wir leben verursachen wir die Asymmetrien mit. Meine These wäre: An Amerika, der Vormacht unseres eigenen Modells, reagieren wir ersatzweise unser Unbehagen ab.




Weiterführende Literatur:

Dan Diner: Feindbild Amerika - Über die Beständigkeit eines Ressentiments, München 2002

Hans-Dieter Gelfert: Typisch amerikanisch. Wie die Amerikaner wurden was sie sind, München 2002

Herfried Münkler: Die neuen Kriege, Hamburg 2002

Henryk M. Broder: Kein Krieg, nirgends: Die Deutschen und der Terror, Berlin 2002



Nachtrag 2003:

Dan Diner zeigt die Beständigkeit "transatlantischer Fremdbilder" von der Entdeckerzeit bis heute:

Die Motive der Amerikafeindlichkeit haben vielfältige Ursprünge. Einer liegt in der sich zur Weltanschauung verdichtenden Entgegensetzung des alten und des neuen Kontinents. So gesehen handelt es sich bei Amerika gewissermaßen um Europas Alter Ego. Sowohl historisches Auseinandertreten wie politisches Zusammentreffen des Neuen und des Alten waren von zuweilen traumatischer Wirkung. Allein die Umstände, die Europäer zu Amerikanern machten, sind hierfür ein eindringlicher Beleg. An den Einwanderungswellen in die Neue Welt sind die Jahresringe europäischer Krisen abzulesen. An ihnen wiederum setzen sich Schichten amerikanischer Erinnerung ab, die über Europa wenig Gutes zu verbreiten hat. Die amerikanische Freiheit war schließlich nicht zuletzt die räumlich verschobene Reaktion auf die europäische Unfreiheit. Und die in steter Reibung aufeinander folgenden europäischen Katastrophen schienen das Prinzip Amerika immer wieder aufs Neue zu bestätigen. Die Distanz wurde immer größer. Thomas Jefferson wünschte sich jedenfalls nicht weniger als einen "Ozean aus Feuer" zwischen beide Kontinente gelegt. Das sich von Amerika abgrenzende europäische Bewusstsein wiederum sah die Neue Welt als einen schwelenden Herd der Bedrohung und Zersetzung eigener Werte. Von dort schien nichts Geringeres als "Verfall und Dekadenz" auszugehen (...). (Zitat S. 17 f)


Hans-Dieter Gelfert gewährt Einblicke in Mythen, Obsessionen, Paradoxien und Formkräfte der amerikanischen Mentalität. Im Abschnitt "Untragic America" stellt er die Frage, warum Amerika sich oft selbst für tragikunfähig hält:

Was bedeutet das nun für die geistige Innenwelt der USA? In Amerika fehlt die Bereitschaft, sich mit dem scheiternden Helden zu identifizieren und aus seinem Untergang kathartische Befriedigung zu ziehen. Amerikaner wollen ihre Helden siegen sehen. Aber es dürfen keine aristokratischen Helden sein. Wie an früherer Stelle gezeigt wurde, muss der amerikanische Held ein Mann aus dem Volke sein, der zu heroischer Größe aufsteigt und danach auf die Ebene des Volkes zurückkehrt. Das ist der Heldentyp, den man überall in der Populärkultur antrifft. Im typischen Western ist der siegreiche Sheriff ein bescheidener, Frauen gegenüber schüchterner Mann, während sein Gegner, der Gangsterboss, mit aristokratischen Insignien ausgestattet ist. Der Schurke hat das Charisma eines arroganten, männlich attraktiven Führers, und genau deshalb muss er nivelliert werden. Katharsis im aristotelischen Sinn spielt in der amerikanischen Literatur keine Rolle. Die durch sie bewirkte "Reinigung" findet im amerikanischen Seelenhaushalt auf andere Weise statt, nämlich durch das, was Freud "Übertragung" nennt. Was der Zuschauer einer Tragödie durch Identifikation mit dem untergehenden Helden innerlich loswird, davon befreit sich der seelisch leidende Amerikaner, indem er sein Leiden (...) "überträgt". (...) Strukturell ist die Psychoanalyse ein Exorzismus, eine Teufelsaustreibung zum Zwecke der Wiederherstellung der kindlichen Unschuld. Nicht erst der Film "Der Exorzist" hat dies als amerikanische Obsession aufgezeigt. Während in den tragischen Phasen der antiken und der europäischen Literatur der Widerstreit zwischen gegensätzlichen Wertnormen durch deren wechselseitige Vernichtung kathartisch gelöst wurde, versucht die amerikanische Seele sich von ihm durch einen exorzistischen Prozess zu befreien. Das entspricht der oben dargelegten Theorie; denn anders als zu Zeiten von Sophokles und Shakespeare gab und gibt es für Amerika - mit Ausnahme der genannten Zone zwischen Nord und Süd - keine zeitliche Überlappung eines noch bestehenden mit einem schon heraufziehenden gegensätzlichen Normensystem, sondern nur die unaufgelöste Gleichzeitigkeit der aufgezeigten Paradoxien. Diese sind nicht kathartisch auflösbar, sondern müssen immer wieder ins Gleichgewicht gebracht werden, im Extremfall durch einen Exorzismus, wie ihn der 11. September erneut in Gang gesetzt hat. (Zitat S. 169 f)


Herfried Münkler führt in die europäische Geschichte der "Verstaatlichung des Krieges" seit dem 17. Jh. ein und schildert die aktuellen, asymmetrischen Konflikte als "Phänomene der Entstaatlichung". In Bürgerkriegen und Warlordgebieten wird physische Gewalt zum vorherrschenden Verteilungsmechanismus. Auch der Terrorismus ist asymmetrisch:

Ganz allgemein lässt sich Terrorismus als eine Form der Gewaltanwendung beschreiben, die wesentlich über die indirekten Effekte der Gewalt Erfolge erringen will. Terroristische Strategien zielen dementsprechend nicht auf die unmittelbaren physischen, sondern auf die psychischen Folgen der Gewaltanwendung; sie sind weniger an den materiellen Schäden - dem Ausmaß der Zerstörungen, der Anzahl von Toten, dem Zusammenbruch der Versorgungssysteme - interessiert, die von den Anschlägen verursacht werden, als an dem Schrecken, der dadurch verbreitet wird, und den Erwartungen und Hoffnungen, die mit diesen Anschlägen als Zeichen der Verletzbarkeit eines scheinbar übermächtigen Gegners verbunden werden können. In diesem Sinne ist Terrorismus als eine Kommunikationsstrategie bezeichnet worden, durch die auf eine besonders spektakuläre Art und Weise Botschaften verbreitet werden sollen. Hat Clausewitz die Schlacht als ein Messen der moralischen und physischen Kräfte mit Hilfe der Letzteren bezeichnet, so kann der Terrorismus in Variation dieser Formel als ein mit minimalen physischen Kräften erfolgender Angriff unmittelbar auf die moralischen Potenzen der Gegenseite, ihren Durchsetzungs- und Selbstbehauptungswillen definiert werden. Ganz bewusst wird dabei eine direkte Konfrontation mit den physischen Kräften des angegriffenen Feindes, insbesondere mit dessen Streitkräften, vermieden, da die Angreifer einer solchen Auseinandersetzung nicht im Mindesten gewachsen wären. Die Entscheidung, eine bewaffnete Auseinandersetzung mit terroristischen Mitteln zu führen, ist also nicht Ausdruck einer prinzipiellen Feigheit, sondern vielmehr das Ergebnis einer rationalen Abschätzung der Kräfteverhältnisse. (Zitat S. 177)


Henryk M. Broder schickt seiner -nach dem 11. September 2001 angelegten- Zitatsammlung einen Satz von Karl Kraus voraus: "Mein Herr, wenn Sie nicht schweigen, werde ich Sie zitieren!" Broder zitiert und kommentiert:

Schorlemmer hat einen Plan, und er zögert nicht, ihn vorzulegen: "Dieser Terrorismus hat einen Nährboden, und der Nährboden ist die Ungerechtigkeit, das heißt, wir müssen weltwirtschaftlich langfristig für gerechtere Strukturen sorgen. Zweitens muß dringend das Problem zwischen Israel und Palästina gelöst werden, da müssen die Amerikaner wieder aktiv werden. Und dann müssen die Demütigungen der Menschen den Dritte-Welt-Ländern, auch den muslimischen Ländern gegenüber durch die westliche Arroganz, durch unsere arrogante Kultur abgebaut werden. Wir müssen zwischen Islamismus und Islam strenger unterscheiden, Differenzierung ist jetzt angesagt, und Differenzierung kann zerbombt werden, und dagegen wende ich mich." Und dann? Was soll geschehen, wenn endlich weltweit gerechte Strukturen hergestellt worden sind, das Problem zwischen Israel und Palästina gelöst worden ist und die Demütigungen der Menschen in der Dritten Welt durch unsere arrogante Kultur aufgehört haben? Was fängt Schorlemmer mit dem Rest des Tages an? (Zitat S. 69)



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